Do., 26.04.2018

Sörgel: «Mull redet Müll» Kontra für Müller-Wohlfahrt: Doping «auch im Fußball»

Hält Doping im Fußball für sinnlos: Bayern- und DFB-Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Hält Doping im Fußball für sinnlos: Bayern- und DFB-Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Foto: Andreas Gebert

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt sorgt für Aufsehen. Laut dem Teamarzt der DFB-Elf und des FC Bayern gibt es im Fußball kein Doping. Mit dieser Meinung steht der Sportmediziner jedoch ziemlich alleine da - und erntet teils scharfe Kritik.

Von dpa

Berlin (dpa) - Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Teamarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des FC Bayern, hat mit seinen Aussagen zur Doping-Problematik im Fußball entschiedenen Widerspruch hervorgerufen.

Die Nationale Anti-Doping-Agentur konterte die Worte des 75-Jährigen, nach dessen Ansicht es kein Doping im Fußball gebe. Während die Spielervereinigung VDV um Entspannung bemüht war, übte auch der Nürnberger Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel scharfe Kritik.

«Wer die Augen vor Doping so zumacht oder zumindest so tut, der übersieht natürlich die aktuellen Trends im Doping im Fußball», sagte Sörgel der Deutschen Presse-Agentur. «Müller-Wohlfahrt hat einfach vom Thema keine Ahnung, er sollte sich auf seine Fähigkeit des Muskel-Tastens konzentrieren. Mull redet Müll.»

«Doping macht durchaus auch im Fußball Sinn», teilte derweil die NADA der «Rheinischen Post» mit. Müller-Wohlfahrt hatte seine Aussage («Im Fußball, soweit ich das übersehe, gibt es kein Doping») im Interview der Wochenzeitung «Die Zeit» gemacht und dabei betont, dass Doping im Fußball nichts helfen würde. Nach Ansicht des Sportmediziners gibt es unter anderem keine Vorteile, wenn sich Fußballer mit Hilfe von Doping Muskelmassen antrainieren, weil sie zu schwer werden.

«Es geht im Fußball darum, die Regeneration zu beschleunigen, Verletzungen schneller und effektiver zu behandeln und damit die Rekonvaleszenz zu verkürzen», hieß es in der NADA-Erklärung. «Werden dazu verbotene Substanzen und Methoden eingesetzt, ist das ebenfalls Doping.»

Weiterhin bestehe auch im Fußball die Möglichkeit, die Ausdauerleistungsfähigkeit durch die Einnahme von verbotenen Substanzen zu steigern. «Doping kann nicht auf den Missbrauch von Anabolika oder den Einsatz von Stimulanzien reduziert werden!», so die NADA. Daher sei Doping im Fußball «grundsätzlich nicht ausgeschlossen» und könne «einen entsprechenden Einfluss auf die Leistung haben».

Das sieht auch der renommierte Pharmakologe Sörgel so. Zu den Trends gehöre demnach auch «die Kombination von nicht auf der Dopingliste stehenden Substanzen wie Koffein und Nikotin und auch Alkohol. Auch das ist Doping. Und das Schmerzmittel dazu - das ist Doping.»

Laut Sörgel verdrehe Müller-Wohlfahrt die Tatsachen. «Die anabolen Substanzen werden doch im Fußball - wie bei den Radfahrern auch - nicht in massiven Dosierungen eingenommen, die Muskelmasse machen», sagte er. Vielmehr gehe es um «kleinere Dosierungen, die die Regenerationsfähigkeit verbessern, und da haben sich anabole Substanzen gut bewährt».

Kritik gab es auch aus dem Radsport. «Die Aussage ist sicher weltfremd zu nennen, weil die Fakten ja andere sind. Wenn jemand in solchen Kategorien spricht wie 'bei uns nie' ist das eher verräterisch», sagte der ehemalige Radprofi Jörg Jaksche. Nach seinem Doping-Geständnis 2007 wandelte sich der 41-Jährige zum Kritiker.

Die Spielervereinigung VDV war bemüht, die Worte des Münchners zu relativieren. «Ich weiß nicht, ob er sich selbst einen Gefallen damit tut, wenn er eine Sportart pauschal freispricht, obwohl es doch Verstöße gab», sagte Geschäftsführer Ulf Baranowsky der dpa. Hinweise auf systematisches Doping gebe es derzeit aber keine. Das Risiko, mit einem Verstoß aufzufliegen, sei deutlich größer als der mögliche Nutzen, den die leistungssteigernden Mittel mit sich bringen würden.

Um die Spieler auf die Gefahren des Dopings hinzuweisen, veranstaltet die VDV Präventionsschulungen. Dabei werde den Spielern erklärt, warum Doping verboten ist, welche medizinischen Gefahren es berge und wie groß der Glaubwürdigkeitsverlust für eine Sportart sei. «Uns geht es da vor allem um Gesundheitsschutz, Aufklärung und die Integrität des Wettbewerbs», sagt Baranowsky.

Erst am Mittwoch hatte die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH), Ines Geipel, über die steigende Zahl geschädigter Ex-Fußballer mit Doping-Vergangenheit in der DDR berichtet. Dabei nahm sie auch den DFB in die Pflicht, der sich künftig an einem Notfonds für Sportopfer beteiligen soll. Laut der «Süddeutschen Zeitung» wolle der DFB «in näherer Zukunft» das Gespräch mit Geipel suchen.

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