Di., 10.05.2016

Literatur Uwe Kolbes Abrechnung mit Brecht

Uwe Kolbe arbeitet sich an Brecht ab.

Uwe Kolbe arbeitet sich an Brecht ab. Foto: Gaby Gerster

Es gibt viele Bücher über Brecht - auch kritische. Jetzt hat der in Ostberlin geborene und 1988 in den Westen gegangene Lyriker Uwe Kolbe eine bittere Abrechnung mit dem «Meister vom Dorotheenstädtischen Friedhof» vorgelegt.

Von dpa

Berlin (dpa) - Hätte die DDR ohne Bertolt Brecht so lange Bestand gehabt? Die natürlich zugespitzte Frage (Brecht starb bereits 1956) des 1957 in Ostberlin geborenen Lyrikers Uwe Kolbe zielt nicht auf die staatsrechtlichen Bedingungen Nachkriegsdeutschlands, die mit oder ohne Brecht bis zum Mauerfall 1989 Bestand gehabt hätten.

Kolbe verweist vielmehr auf die Vorbildfunktion Brechts weit über seinen Tod hinaus für viele Künstler und Schriftsteller in der DDR für die Unterstützung des diktatorischen SED-Systems. Heiner Müller und andere leiteten von Brecht die Legitimation ab, dass man Kommunist und Künstler sein konnte, wie Kolbe in seinem jetzt erschienenen Essay betont («Brecht», S. Fischer Verlag).

Er mutet den Lesern in dieser Streitschrift starken und teils subjektiven, auch polemischen Tobak zu, er provoziert mit steilen Thesen. Kolbe will aber wie Brecht mit Zuspitzungen zum Nachdenken über althergebrachte Gedankengebäude und Bilder anregen, zum produktiven Gedankenstreit eben, also eigentlich ganz im Sinne Brechts, aber nicht hinter verschlossenen Türen eines elitären Kreises. Vor allem will Kolbe an der «Vorbildfunktion» des intellektuellen «Übervaters» Brecht für nachfolgende Generationen einer ostdeutschen Dichterschule kratzen, politisch gesehen seiner Meinung nach mit verhängnisvollen Folgen.

Kolbe rechnet sich selbst dazu, er komme noch aus einer DDR-Generation der Brecht-Begeisterung. «Aber ich bin in einer geschlossenen Gesellschaft groß geworden, in der Tabus mit dem Knüppel verteidigt wurden», sagte Kolbe bei einer Buchvorstellung im Literaturhaus Berlin. Daher müsse auch das Genie des 20. Jahrhunderts «dialektisch gesehen werden», denn «der Leninist, der sich zur DDR bekannte und von ihr ein Theater geschenkt bekommen hat, war eindeutig antidemokratisch».

Das «Parteiergreifen für die DDR hing mit Brecht zusammen», zitiert Kolbe aus Heiner Müllers Autobiografie. «Brecht war die Legitimation, warum man für die DDR sein konnte. Das war ganz wichtig...Damit gab es einen Grund, das System grundsätzlich zu akzeptieren», schrieb Müller («Der Lohndrücker»). Das hatte nach Ansicht Kolbes verheerende Auswirkungen auf die nachwachsende Künstler- und Schriftsteller-Generation in der DDR und damit auf das intellektuelle Klima im «Arbeiter-und-Bauern-Staat», denn «die Vereinigung von Geist und Macht funktionierte im Sozialismus als staatstragender Dialog» ohne öffentlichkeitswirksame konstruktive Selbstkritik. So sei Brechts Kritik nie tiefgreifend gewesen, «öffentlich schon gar nicht».

Kolbe nennt daher den «deutschen Realsozialismus und seine kritischen Dichter in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit» eine «Farce», Heiner Müller sei ein «politischer Clown» gewesen. Kolbe spricht vom «Aussetzen des kritischen Verstandes vor den Trägern der stalinistischen Doktrin», was mit Brecht begonnen habe. Für den Geist habe es damit nur noch «Bejahung, Begleitung, produktives Seit-an-Seit mit der Macht» gegeben. Brecht habe sich darauf eingelassen, auch wenn er zugleich damit haderte, aber eben nur intern. «Privat, im Theater, vor seinen Schülern blieb er der Scharfzüngige, als der er angetreten war.»

Brecht ist für Kolbe der «Dichter und Sänger der sowjetischen Sache» geblieben. Er habe von Stalins Verbrechen, von den Moskauer Schauprozessen und dem Gulag-System gewusst (das später Alexander Solschenizyn öffentlich machte). Somit sei Brechts Verhalten «auch Teilhabe am Verbrechen», meint Kolbe. Später hätten seine Nachfolger auch für die intellektuelle Legitimation des Mauerbaus und des Regimes, das damit verbunden war, gesorgt. «Mehr oder minder alle klimperten halbherzig auf dem Stacheldraht, fanden ihre persönlichen Schlupflöcher darin und klimperten weiter, Biermann, Müller, Braun, die kleineren Brecht-Nachahmer», und «selbst dieser nach-nachgeborene Kolbe noch».

Das klingt sehr rigide, wenn auch selbstkritisch, und vereinnahmt pauschalisierend doch auch Autoren wie Brigitte Reimann mit ihrer «Franziska Linkerhand» oder Christa Wolf mit «Der geteilte Himmel», Christoph Hein und Günter de Bruyn. Aber es stimmt schon, was Kolbe bitter konstatiert - «ohne Brechts Anpassung», also den großen intellektuellen «Leitwolf» mit internationalem Ruf (und österreichischem Pass), hätte es «die Anpassung so vieler Intellektueller nicht gegeben», und damit für die Herrschenden die geistig-kulturelle Legitimation ihres Machtsystems.

«Abweichler» und Kritiker waren damit gegen Brecht, den «Gott-sei-bei-uns» wie vor ihm nur Luther und die Weimarer Klassiker, wie Kolbe betont. Die fatale Folge dieser «Heldenverehrung» sei die damit einhergehende Verachtung der bürgerlichen Demokratie «vieler Denkender in der DDR in Brechts Nachfolge» gewesen mit ihrer «gehobenen Sklavensprache» am «sozialistischen Musenhof», aber «ohne jegliche eigene Erfahrung» in einer Demokratie.

Man muss Kolbes oft zugespitzte Interpretationen und Thesen nicht teilen, so wenn er zum Beispiel die «Diktatur des Proletariats» beziehungsweise bestimmte Formen davon, durch «Lenins, Trotzkis und Dserschinskis stählerne Prinzipien» als «Vorbild für jede Terrororganisation bis heute» ansieht, - wobei die Auffassung, «der Zweck heiligt die Mittel», in der Tat beiden gemeinsam und damit tatsächlich dem Selbstverständnis jeder «bürgerlichen Demokratie» wesensfremd ist.

Und Kolbes pauschale Etikettierung von Heine, Brecht und Biermann als «diese eitlen Kerle» zeigt auch die Hassliebe des Autors zu seinen Protagonisten, womit er nicht alleine stehen dürfte. Aber in einem Punkt bleibt Kolbes Essay doch zentral und zeitlos - wenn es um die «Haltung vor dem Thron» geht, bei der die Künstler und Intellektuellen eben besonders herausgefordert sind, auch auf die Gefahr hin, mal als «ganz kleine Pinscher», «Ratten und Schmeißfliegen» (wie in der alten Bundesrepublik) beschimpft oder, wie heute in anderen Ländern, sogar ausgepeitscht zu werden oder von der Bildfläche zu verschwinden.

Uwe Kolbe: Brecht, S. Fischer Verlag, 175 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-10-001457-3

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