Fr., 13.05.2016

Theater Mauerbau und Abschottung: «América» von T.C. Boyle

América (Mitte rechts, Sylvana Seddig) und Candido (Mitte links, Gonzales Cunill).

América (Mitte rechts, Sylvana Seddig) und Candido (Mitte links, Gonzales Cunill). Foto: Peter Kneffel

Bei der Uraufführung des Theaterstücks «América» suchen Mexikaner illegal in Kalifornien ihr Glück. Sie treffen auf Amerikaner, die am liebsten eine Mauer errichten würden - und dann steht ein echter Wall im Saal.

Von dpa

München (dpa) - Gibt es Mauern, die Schlangen, Kojoten, illegale Einwanderer und quälende Gedanken gleichermaßen abhalten können? Und wenn ja, welche ist die effektivste?

Mit dem Thema Abschottungen jedweder Art spielt Regisseur Stefan Pucher beim Theaterstück «América» nach dem gleichnamigen Roman von T.C. Boyle genüsslich. Und dabei legt er eine Experimentierfreude an den Tag, die bei der Uraufführung am Donnerstagabend in den Münchner Kammerspielen mit Jubel belohnt wurde.

Ein illegales Einwandererpärchen aus Mexiko will in Kalifornien Arbeit finden, um dort später sein noch ungeborenes Baby in einem schmucken Häuschen großzuziehen. Soweit Cándidos und Américas «Amerikanischer Traum». Doch sie treffen unfreiwillig auf die Bewohner einer Luxus-Wohnanlage - und fortan geht es um Besitz, Einfluss und Macht. Ihr Überlebenskampf wird zur Bedrohung.

In den Kammerspielen entknotet Pucher Boyles aus unzähligen Perspektivwechseln gestricktes Knäuel geschickt, auf Videos blicken beispielsweise die inzwischen 17 Jahre älter gewordenen Cándido und América zurück (Video: Meika Dresenkamp). Auch verbannt Pucher die Illegalen anfangs in Schaufenster: Während vorne auf der Bühne die US-Amerikaner Delaney und seine Frau Kyra am Pool über Gott, Kojoten, «die Mexikaner» und Sicherheit-Über-Alles debattieren, werden hinten Cándido und América wie Puppen ausgestellt. Ihr Leben ist weltfremd (Bühne: Barbara Ehnes).

Solche Wälle zieht Regisseur Pucher oft hoch, wobei er dabei ebenso geschickt die Sprachbarrieren für sich zu nutzen weiß. Zwischendrin geht er sogar so weit, dass er von seinen Bühnenarbeitern eine richtige Mauer zwischen den Zuschauern aufbauen lässt. Denen auf den ersten Reihen werden exquisite Plätze direkt auf der Bühne zugeteilt. Prompt geht Puchers Plan auf: Unmut macht sich im restlichen Publikum breit, vereinzelte «Buh»- und «Jetzt reicht's»-Rufe inklusive.

Doch Schauspielerin Wiebke Puls kontert spontan. Sie ist es auch, die als hysterisch-ängstliche Immobilienmaklerin Kyra die fließenden Grenzen zwischen Liberalismus und Rassismus gespenstisch deutlich aufzeigt. Und mit ihrer Aussage «Es sind zu viele» stürzt die Wohlständlerin die Mexikaner Cándido und América aus dem Freiluft-Ghetto gleich ins nächste Unglück. Doch nicht nur so werden die erschreckenden Parallelen des Stücks zum Europa im Hier und Jetzt überdeutlich.

Pucher lässt sein beachtliches Ensemble zusätzlich weitere Parolen aufgreifen, die aktuell zur Flüchtlingsproblematik geschwungen werden. Natürlich darf da das Schlagwort «Obergrenze» nicht fehlen. Am Ende der fast drei Stunden ohne Pause darf sich jeder Zuschauer die Frage selbst beantworten, ab wann eine Grenze zur Mauer wird.

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