Sa., 14.05.2016

Theater Theaterstück über Massenmord an Armeniern

Theater : Theaterstück über Massenmord an Armeniern

Foto: Britta Schultejans

Erst vor wenigen Wochen machte das Konzertprojekt «Aghet» über den Massenmord an den Armeniern Schlagzeilen. Jetzt hat das Münchner Residenztheater ein ähnlich brisantes Stück auf die Bühne gebracht - das in der Umsetzung aber viel von seiner Brisanz verliert.

Von dpa

München (dpa) - Wer sich ganz tief in ein Thema einarbeitet, der hat oft ein Problem: Sein Wissen mit denen zu teilen, die sich nicht so gut auskennen, fällt zunehmend schwer. Genau dieses Problem zeichnet Nuran David Calis' Auseinandersetzung mit dem Massenmord an den Armeniern im Osmanischen Reich am Residenztheater aus.

Der Regisseur mit armenischen Wurzeln inszeniert ein Stück, das sich grob, sehr grob, an Franz Werfels Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» orientiert, dem Buch, das Werfel in Armenien zu so etwas wie einem Nationalheiligen machte.

Was Calis auf die mit historischen Bildern von den Untaten Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestattete Bühne bringt, hat aber mit einer Romanadaption ebenso wenig zu tun wie mit einem klassischen Drama. Es mäandert zwischen Hörspiel und Vorlesung. Es ist so etwas wie eine Geschichtsstunde geworden.

Calis, so scheint es, hat alles dort hineingepackt, was er jemals im Zusammenhang mit den Gräueltaten gehört und gelesen hat. Und das ist einiges. Das armenisch-türkisch-deutsche Ensemble auf der Bühne liest aus dem Roman vor, aus historischen Briefen deutscher Diplomaten und aus einer Definition für Genozid - den Völkermord.

Dabei kommt «der Türke» (Ismail Deniz) zu Wort, in dessen Geschichtsbuch sich genau zwei Seiten mit dem Thema befassen. Die Türkei wehrt sich bis heute gegen die Einstufung des Verbrechens an den Armeniern als Völkermord. Schätzungen zufolge wurden 800 000 bis 1,5 Millionen Angehörige der christlichen Minderheit der Armenier Anfang des 20. Jahrhunderts im Osmanischen Reich umgebracht.

Dem Türken gegenüber steht «der Armenier» (Daron Yates), das alter Ego von Regisseur Calis, der auf der Bühne zu Teil die Sätze wiederholt, die Calis selbst in einer Pressekonferenz kurz vor der Premiere gesagt hat: «Die Türkei ist für mich Heimat und Hölle zugleich.» Für ihn wird die Türkei «zum Schlachtfeld».

Daneben gibt es noch die deutsche Perspektive von damals - und heute? - die beim Blutbad tatenlos zusah, weil sie die Türkei als Verbündeten brauchte. Regisseur Calis lässt keinen Zweifel daran, dass er glaubt, die Geschichte wiederhole sich gerade im Umgang der Türkei mit den Kurden - und im Wegschauen der Bundesrepublik.

Das Ziel des Stückes, so sagte Calis, ist eine gemeinsame Geschichtsschreibung. «Es ist ein kollektives Trauma, eine immer wiederkehrende Wunde, die von Generation zu Generation nicht heilen darf.»

Wirklich gespielt wird selten, auch wenn viel Theaterblut fließt. Und so gibt es für die langatmige, zweistündige Umsetzung dieses brisanten und oft hochemotional debattierten Themas zwar langen, aber eher zurückhaltenden Applaus. Regisseur Calis appelliert schließlich auch nicht an die Gefühle der Zuschauer - sondern an ihren Verstand.

Erst vor Kurzem hatte das Konzertprojekt «Aghet» der Dresdner Sinfoniker über die unglaublichen Verbrechen an den Armeniern für Schlagzeilen gesorgt, weil der türkische EU-Botschafter von der Europäischen Union verlangte, Fördergelder für das Projekt zu streichen.

Anfeindungen habe er bislang nicht erlebt, sagte Calis. «Aber ich weiß nicht, was passiert, wenn ich das nächste Mal in die Türkei reise», sagte Calis.

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