Sa., 14.05.2016

Film Maren Ade: Wollte schon lange etwas über Familien erzählen

Film : Maren Ade: Wollte schon lange etwas über Familien erzählen

Foto: Clemens Bilan

Es ist der erste deutsche Beitrag seit acht Jahren in Cannes: Maren Ades «Toni Erdmann» begeistert das Publikum beim Filmfest. Ein Interview.

Von dpa

Cannes (dpa) - «Toni Erdmann» von Regisseurin Maren Ade ist der einzige deutsche Beitrag im diesjährigen Wettbewerb des Filmfestivals Cannes. Er erzählt von einem humorvollen Vater, der seine Tochter, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, bei einem Projekt in Rumänien besucht. Die beiden unterschiedlichen Charaktere prallen aufeinander.

Um seiner Tochter näher zu kommen, verkleidet sich Winfried als schrille Kunstfigur Toni Erdmann. Bei der ersten Vorführung des Films gab es spontanen Szenenapplaus, die internationalen Kritiker sind begeistert. 

«Ich arbeite wahnsinnig lange an so einem Projekt», sagte Ade (39) am Samstag in Cannes in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. An «Toni Erdmann» habe sie viereinhalb Jahre gearbeitet, fast jeden Tag.

Frage: Warum haben Sie sich nach dem Drama «Alle Anderen» über ein Paar entschlossen, nun etwas über eine Vater-Tochter-Beziehung zu erzählen?

Antwort: Mich hat interessiert, etwas über Familie zu erzählen. Das war ein Thema, das mir länger im Kopf rumging. Auf der einen Seite über diese festgeschriebenen Rollen, die jeder in seiner Familie oft spielt. Ich wollte mit dem Rollenspiel, das Vater und Tochter anfangen, mit der radikalen Verwandlung, die der Vater da macht in diesen neuen Charakter Toni, da wollte ich ein bisschen eine Ausbruchsfantasie aus diesem Familienkorsett entgegensetzen.

(...) Ich habe schon beim Schreiben gemerkt, dass es ein dankbares Thema ist, dieses Eltern-Kind-Thema und dass es auch relativ emotional ist. Es bietet viel an versteckter Aggression, aber auch an Sehnsüchten. Und die Eltern-Kind-Beziehung ist lebenslang. Deswegen ist es auch ein schweres Thema. Der Humor kommt dann natürlich mit der Figur des Winfrieds, mit seinem ausgeprägten Hang zum Scherzen.

Frage: Der Film handelt zwar von Winfried und seiner Tochter Ines, spricht doch aber auch einen allgemeineren Konflikt zwischen den Generationen an, oder?

Antwort: Der Vater ist ja so ein typischer Vertreter – vielleicht auch etwas sehr Deutsches – der Nachkriegsgeneration: Die auch so einen antiautoritären Erziehungsstil hatten, die sich für ihre Kinder viel Freiheiten, viel Selbstbestimmtheit gewünscht haben. Und das hat sich jetzt auch ein bisschen ins Gegenteil verkehrt: Auf der einen Seite ist die Tochter in die Welt hinausgezogen, er hat sie nicht mehr zu Hause. Das heißt, der Kontakt ist ein bisschen abgebrochen. Außerdem hat sie einen sehr leistungsorientierten Beruf ergriffen, den sie selbst vielleicht auch nicht immer moralisch verteidigen kann.

Frage: Geht man vielleicht nicht gerade in Familien manchmal sehr schonungslos miteinander um?

Antwort: Genau, jede Familie ist ja anders. Manche tragen es sehr offen aus, manche sind die ganze Zeit passiv-aggressiv. Es gibt auch welche, die verstehen sich wirklich gut. Ich habe das Gefühl, dass es den beiden (Figuren im Film, Anm.) gut tut, dass sie ihre Aggressionen offener ausleben können. Dass der Vater auch seine Vaterrolle abwirft mit diesem Toni und seiner Tochter so freier gegenübertreten kann – auch kritischer.

ZUR PERSON: Maren Ade, 1976 in Karlsruhe geboren, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Ihr Abschlussfilm «Der Wald vor lauter Bäumen» (2003) über eine idealistische, aber überforderte Lehrerin gewann international Preise. 2009 folgte das Beziehungsdrama «Alle Anderen» mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger als Paar in der Krise. Ade wurde dafür bei der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. «Toni Erdmann» ist ihr dritter Spielfilm. Ade (39) lebt in Berlin.

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