Fr., 20.05.2016

Theater Wie vor 20 Jahren: «Die Orestie» bei den Ruhrfestspielen

Der italienische Theatermacher Romeo Castellucci hat seine Skandalaufführung der «Orestie» von 1995 wieder hervorgeholt. Das Stück über Blutrache innerhalb einer Familie funktioniert nach wie vor. Doch warum zeigt der Regisseur es genau so wie damals?

Von dpa

Recklinghausen (dpa) - Der Vater opfert die Tochter fürs Kriegs- und Segelglück, die Frau tötet den Ehemann, der Sohn die Mutter: Es gibt gute Gründe, Aischylos' antike «Orestie» als das grausamste Stück der europäischen Dramenliteratur zu sehen.

Vor allem wenn man dem radikalen Theatermacher Romeo Castellucci die Regie überlässt.

Diese Woche zeigt der Italiener die «Orestie» bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen - und zwar fast original so wie vor 20 Jahren, als er damit großes Aufsehen erregte.

Den lebendigen Kriegsheimkehrer Agamemnon spielt ein Darsteller mit Down-Syndrom, den toten ein aufgehängter Ziegenbock. Der sprachlose Orest muss zur Rache an der Mutter getragen werden; das heißt, sein Freund Pylades muss ihm erst ein von selbst zustechendes Gestell über den Arm stülpen, angetrieben per Schlauchverbindung von einem Blasebalg im Brustkorb des Ziegenbocks, der mal der Vater war.

Der Ziegenbock ist diesmal aus Tierschutzgründen unecht. Neu sind das maschinelle Dröhnen und die bewusst überdeutlichen Klangteppiche. Ansonsten ist alles wie 1995: Es gibt fünf Affen, zwei Pferde, einen Esel und ein menschliches Kaninchen, das in der ersten Hälfte schrecklich verprügelt wird - eine der mitleiderregendsten Szenen des Stücks. Ergänzt wird der Budenzauber von fliegenden Stühlen, Fetisch-Optik, rostigen Maschinen und mehreren Gazevorhängen, hinter denen gespielt wird.

Das alles ist nicht nur wegen des Spektakels da. Es ist eine Aussage: Tiere, Maschinen und Material machen dem Menschen die Vorherrschaft über Handlung und Bedeutung des Stücks streitig. Sie verschaffen dem Unmenschlichen Geltung, dem Unvorstellbaren, das für Castellucci zu einer Tragödie im besten Sinne gehört.

Manchmal sind sie auch einfach komisch - wie das Kaninchen, das die Chorpassagen spricht. «Es gibt durchs Drama keine seelische Reinigung», sagt Castellucci, der seine Arbeit im Untertitel «eine organische Komödie?» nennt. «Das Einzige, was befreien kann, ist ein Lachen, ein hysterisches, wenn man so will.»

So ergibt es Sinn, dass die Aufführung einen intellektuell und sensorisch überfordert. Zu Verstehendes wie der Stücktext sind auf ein Minimum reduziert, alles Sinnliche ist überpräsent. Das ist sehr konsequent. Man muss einsehen, dass ein wortloses Drama aus Licht, Klang, Tieren und Material eigentlich zeitlos ist. Zumal, wenn man merkt, dass hier Prinzipien auf die Bühne gestellt werden.

Trotzdem kann man fragen, warum Castelluccis Kompanie Socìetas Raffaello Sanzio nach 20 Jahren erneut mit der «Orestie» tourt. Die Antwort ist pragmatisch: Ein Festival in Paris habe ihn vergangenes Jahr gebeten, das Stück noch einmal auf die Bühne zu bringen, erklärt der Regisseur. Er habe sich auf das Experiment eingelassen, alles genauso zu erzählen wie früher.

Noch einmal würde er das allerdings nicht tun, sagt er. Das Thema Gewalt beschäftige ihn nach wie vor. Allerdings würde er sie heute anders erzählen, weniger explizit, «mehr unter der Oberfläche».

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