So., 29.05.2016

Literatur Den jüdischen Ahnen auf der Spur: Dagmar Nick wird 90

Dagmar Nick feiert ihren 90. Geburtstag.

Dagmar Nick feiert ihren 90. Geburtstag. Foto: Ute Wessels

Als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Deutschlands hat sich Dagmar Nick einen Namen gemacht. Kurz vor ihrem 90. Geburtstag hat sie einen Erzählband herausgebracht, in dem sie sich mit ihrer jüdischen Familiengeschichte befasst.

Von dpa

München (dpa) - Drei Jahre lang hat Dagmar Nick ihre Familiengeschichte recherchiert, Bücher gewälzt und in Archiven gegraben. Immer mehr Verwandte tauchten auf und der Stammbaum wuchs. 

Aus ihren Ergebnissen hat die Schriftstellerin ein Buch gemacht. «Eingefangene Schatten. Mein jüdisches Familienbuch» heißt das Werk, das bereits im vergangenen Sommer erschienen ist. Eine Familiensaga, in der sie die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren lebendig werden lässt. Am 30. Mai wird Dagmar Nick 90.

Auf großen Papierbögen hat sie die weit verzweigten Familienlinien feinsäuberlich aufgezeichnet und immer wieder ergänzt. Etwa 700 Namen stehen da. Die Ahnentafel reicht bis ins 16. Jahrhundert. «Wenn man einmal anfängt zu graben, dann geht es immer weiter.» Gewidmet hat Dagmar Nick das Werk dem kürzlich gestorbenen Historiker Fritz Stern, ein Freund und - wie sollte es anders sein - Familienmitglied.

Dagmar Nick wollte «wissen, wo die Wurzeln waren, woher die Menschen kamen. Sie sind hier angekommen mit Null, mit Nichts und arbeiteten sich hoch. In der dritten Generation waren sie am Hof und in der vierten Generation waren sie Bankiers». Wenn sie von ihren Ahnen berichtet, schwingen Liebe, Stolz und Humor mit.

Das Buch sei eine ebenso jüdische wie preußische Geschichte. Ihre Vorfahren hätten sich in Preußen bestens integriert. Insofern ist das Buch brandaktuell. Es erzählt von Flucht und Vertreibung, vom Neustart in der Fremde, von Ablehnung und Integration. «Es handelt vom Entgegenkommen der regierenden Herren und andererseits von der Bevölkerung, die sagte, die Juden hätten es besser als sie selber.» Vor allem aber zeigt das Buch, dass sich die Geschichte wiederholt und die Menschheit aus der Geschichte nicht lernt.

Nick selbst hat Repression erlebt und fliehen müssen. 1926 in Breslau als zweites Kind des Komponisten und Musikschriftstellers Edmund Nick und der Konzertsängerin Kaete Nick-Jaenicke geboren, wuchs sie in einer Künstlerfamilie auf. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor ihr Vater seine Arbeit beim Rundfunk in Breslau, die Mutter durfte nicht mehr auftreten. Trotz ständiger Angst vor den Nazis habe sie eine glückliche Kindheit gehabt, sagt Nick. «Es war ein Musikhaus. Mit Liebe, Musik und Humor.» Das hat sie geprägt.

Zwölf Jahre in Angst, dann die Flucht nach Bayern, das habe man schon überwinden müssen, sagt sie. Aber: «Ich bin zum Glück niemand, der Traumata entwickelt.» Vier Tage lang war die Familie im Februar 1945 bei eisiger Kälte im Zug nach Bayern unterwegs. In der Nähe von Bad Tölz fanden sie Unterschlupf bei Verwandten. Nick absolvierte eine Ausbildung zur Graphologin.

Dichterin zu werden, war nicht ihr Plan. Dabei reimte sie, bevor sie das Schreiben lernte. «Rhythmus und Reim waren mir ein Bedürfnis. Mit 14 schrieb ich schon ganz anständige Sonette.» Als sie 19 war, erschien ihr Gedicht «Flucht» in der «Neuen Zeitung» in München. Feuilletonchef war Erich Kästner. «Die letzte Strophe kann der größte Dichter nicht besser schreiben», soll Kästner gesagt haben. «Ob du auch so um dein Leben bangst? Alles andre ist schon fortgegeben. Ach, ich habe nichts mehr, kaum ein Leben, nur noch Angst», heißt es da.

Nicks Gedichte erschienen in mehr als 200 Anthologien im In- und Ausland. Anfangs prägten die Themen Vertreibung und Flucht ihre Werke, wie etwa ihren ersten Gedichtband «Märtyrer» (1947). In weiteren Gedichtbänden wie «Das Buch Holofernes» (1955), «In den Ellipsen des Mondes» (1959) oder «Zeugnis und Zeichen» (1969) beschäftigte sie sich mit Abschied, Trauer, aber auch mit der unbesiegbaren Liebe. Nick wurde zu einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen nach 1945.

Neben Gedichten schrieb sie präzise und zugleich hoch poetische Reisebücher, unter anderem über Sizilien und die griechischen Inseln. Zudem verfasste sie Hörspiele wie «Flucht» (1959). Für ihr Werk hat Dagmar Nick zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Dreimal war die Autorin, die seit mehr als 50 Jahren in München lebt, verheiratet. Kinder hat sie nicht, aber ihre über alle Welt verzweigte Familie. An ihrem Geburtstag fährt sie zu einem Vetter nach Hannover - «Ich will ja nicht den ganzen Tag am Telefon hängen» - und besucht frühere Wohnorte von Vorfahren.

Das hohe Alter merkt man der Autorin nicht an. Voller Elan berichtet sie von bevorstehenden Leseabenden, sie will ihr neues Buch vorstellen. Im Herbst soll ein weiterer Gedichtband erscheinen. Spannend findet sie Entwicklung der deutschen Sprache - und manchmal auch rätselhaft: «Was ist ein Hashtag? Können Sie mir das erklären?»  

Google-Anzeigen
Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4042602?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947955%2F947961%2F