Do., 02.06.2016

Brauchtum Immaterielles Kulturerbe: Traditionen kosten Geld

In der Krone der Linde wird getanzt.

In der Krone der Linde wird getanzt. Foto: Nicolas Armer

Die Limmersdorfer Lindenkirchweih hat es ins nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes geschafft. Damit schmückt sich Bayern. Extra Geld für den Erhalt der Traditionen gibt es in den Bundesländern nicht. Was also bringt der Platz auf der Liste?

Von dpa

Thurnau (dpa) - «Früher», sagt Veit Pöhlmann, «war das unser Spielplatz. Wir sind ohne Leiter hochgeklettert.» Er steht vor dem mächtigen Stamm einer Linde, unter dem Tanzboden zwischen den Blättern. Heute schneidet der 60-Jährige die unteren Äste vom Boden aus. Die Tanzlinde war aber schon immer mehr als ein Spielplatz.

Die Lindenkirchweih im bayerischen Limmersdorf gehört zum immateriellen Kulturerbe Deutschlands im Rahmen der Unesco-Konvention (DUK) - wie 33 weitere Kulturformen. Doch dass sie erhalten bleiben, ist nicht garantiert. «Zehn Jahre», sagt Pöhlmann, «dann ist sie weg, so eine Tradition.» Deshalb gibt es seinen Verein: zur Erhaltung und Förderung der Limmersdorfer Kirchweihtradition.

Derzeit läuft die zweite bundesweite Aufnahmerunde fürs Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. 64 Anträge sind erlaubt, vier pro Land. Aber Sachsen etwa reichte nur drei ein, Niedersachsen zwei - und Bayern gleich 21, die Festspiele der «Landshuter Hochzeit» oder das Flechthandwerk. Von Mitte Juni an bewerten Experten der DUK die Bewerber, im Frühjahr 2017 entscheidet die Kultusministerkonferenz.

Wer wie die Limmersdorfer auf die Liste kommt, kann mit einem Logo werben. Manche mögen damit Touristen locken können. Aber die Genossenschaftsidee, die auch im Verzeichnis steht? Oder Tanzvereine? Sie gewinnen politisches Gewicht, nicht unbedingt Geldquellen. «Wir müssen nicht zugeschissen werden mit Geld, aber jetzt braucht es auch mal Butter bei die Fische», sagt Pöhlmann. «Wenn man sich schmückt damit, muss man auch etwas dafür tun.» Doch kein Bundesland hat nach Angaben der DUK einen extra Topf, um die Träger der Kulturformen im Verzeichnis auch nach der Bewerbung zu fördern.

Bayern zum Beispiel zeigt sich stolz auf die Lindenkirchweih und die Oberammergauer Passionsspiele. Einige Träger bräuchten aber Unterstützung, um ihre Geschichte zu erforschen, sagt Eva-Maria Seng von der Landesstelle Immaterielles Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, der einzigen Beratungsstelle bundesweit. Wer eine Tradition erhalten will, braucht Geld, auch um den Nachwuchs bei der Stange zu halten.

In Limmersdorf suchen sich jedes Jahr vier Burschen vier Mädchen und organisieren die Kirchweih. Immer am Sonntag um Bartholomä am 24. August, seit mindestens 1729. Im Kern: die Tanzlinde, gepflanzt 1686. In der Krone wird getanzt, auf einem Gerüst. Es gibt ein Festzelt und viel Fleisch. Das kostet Zeit und Geld. «Wir wollen den Jungen sagen können: Es geht weiter, und wir werden unterstützt», sagt Pöhlmann.

Weil immer wieder Träger bei der DUK nachfragen, arbeitet sie an einem Handbuch, das auch Wege zu Fördermitteln erklären soll. Die Länder könnten sich dafür entscheiden, ihr Kulturerbe finanziell zu fördern, sagt Benjamin Hanke von der DUK. Laut Unesco-Konvention muss sich jeder Staat bemühen, mit allen geeigneten Mitteln das Kulturerbe zu erhalten. Dafür wären in Deutschland die Länder zuständig.

Im bayerischen Kultusministerium hält man davon nicht viel. «Gäbe es eine besondere Förderung für die Traditionen im nationalen Verzeichnis, dann wäre das auch eine Ungleichbehandlung der vielen Traditionen in Bayern», sagt ein Sprecher. Es zeichne die Traditionen ja gerade aus, dass sie eigenständig seien.

Eigenständigkeit - ein wichtiges Thema für Pöhlmann: Limmersdorf sei seit 1978 in den Markt Thurnau eingemeindet, gegen seinen Willen. Der Bürgermeister war kein Bürgermeister mehr - und nicht mehr für die Kirchweih zuständig. Musikbox statt Live-Kapelle auf der Linde, das drohte. Ein Verein musste her, der Vorsitzende: Pöhlmann. Die Kirchweih sei in jedem Dorf in Franken anders, und an einem anderen Termin. Anders als in Oberbayern. «Es gibt kaum etwas Typischeres als die Kirchweih, das Franken beschreibt: das Dörfliche, den Konservatismus, das Kleinteilige, die Eigenbrötlerei.»

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