Mi., 30.11.2016

Das Leben des Augenblicks «Daldossi» in der Gefahrenzone

Das Cover des Buchs «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks» (Ausschnitt).

Das Cover des Buchs «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks» (Ausschnitt). Foto: Verlag C.H.Beck

Zwischen Granaten im Irak und Wiener Kaffeehaus. Sabine Gruber schildert in ihrem neuen Roman das schizophrene Leben eines Kriegsfotografen.

Von dpa

Berlin (dpa) - Kriegsreporter genießen einen zweifelhaften Ruf. Einerseits sind sie Helden. Gewalt und Elend auf den Schlachtfeldern dieser Welt bekommen erst durch ihre Arbeit ein Gesicht.

Andererseits jedoch gelten sie als Hasardeure, als Junkies und Abenteurer, die für ein spektakuläres Foto oder eine Sensations-Reportage mutwillig ihr Leben riskieren. Tatsächlich ist die Liste der im Krieg getöteten Journalisten und Fotografen lang, angefangen von dem legendären Robert Capa bis zu der vor zwei Jahren in Afghanistan erschossenen Anja Niedringhaus.

Das Leben dieser Reporter im Spannungsfeld zwischen Todeserfahrung draußen und banalem Alltagsleben in der heimischen Komfortzone ist ein guter Stoff für Romane und Filme. Bei der Schriftstellerin Sabine Gruber kam noch ein persönliches Moment dazu. Vor 17 Jahren verlor sie im Kosovokrieg ihren Freund, den «Stern»-Reporter Gabriel Grüner. Er wurde in der Nähe von Prizren von einem russischen Söldner erschossen.

Das Schicksal dieses Freundes inspirierte sie zu ihrem neuen Roman «Daldossi oder Das Leben des Augenblicks». Im Mittelpunkt steht Bruno Daldossi, ein erfahrener Kriegsfotograf, der jahrzehntelang für ein Hamburger Magazin von den Krisenregionen dieser Welt berichtete. Er war im Tschetschenienkrieg, in Bosnien, im Irak und in vielen anderen Kriegsgebieten. Jetzt, mit Anfang 60, hofft er zur Ruhe zu kommen, will seinem Privatleben mehr Raum lassen.

Doch nun zeigt sich, dass es dafür offenbar zu spät ist. Denn seine Lebensgefährtin Marlis hat ihn plötzlich verlassen. Sie war des nervenaufreibenden Lebens an seiner Seite überdrüssig und ist zu einem anderen Mann nach Venedig gezogen. Daldossi gerät in eine schwere Sinnkrise. Ein Versuch, seine Freundin in der Lagunenstadt wiederzugewinnen, scheitert kläglich.

Schließlich sucht er Zuflucht in einer Romanze mit der Journalistin Johanna. Diese Liebesgeschichte entspinnt sich ausgerechnet auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa - auch wieder so eine Art Krisengebiet. Daldossi wird von Gespenstern heimgesucht. Die Gespenster des Krieges lassen ihm keine Ruhe, und sie vertrieben auch seine Geliebte: «Etwas von dir ist an den Schreckensorten zurückgeblieben, und dieses Etwas ist immer größer geworden.»

Es gibt für den Kriegsfotografen kein Entrinnen. Denn wer Schrecken, Gewalt und Tod im beruflichen Alltag erfährt, kann danach nicht einfach so mühelos aus der Gefahren- in die Komfortzone zurückkehren. Er bleibt ein Versehrter. Sabine Gruber schildert das sehr einfühlsam an einer Reporterfigur, die nicht zu exzentrisch ist und gerade deshalb glaubwürdig wirkt.

Denn Daldossi ist kein Junkie, den grausame Erfahrungen völlig aus der Bahn geworfen haben, er ist kein todessüchtiger Kiffer oder Säufer. Er versucht noch immer, in der Normalität zu bleiben und eine Balance zu finden. Und er will zu den Schrecken, über die er jahrzehntelang berichtet hat, endlich eine eigene Haltung finden. Das Private ist niemals nur privat, sondern immer auch politisch, dieses Thema variiert Sabine Gruber immer wieder in ihren Romanen. «Daldossi oder das Leben des Augenblicks» ist dafür ein überzeugendes Beispiel.

- Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, C.H. Beck Verlag, 315 Seiten, 21,95 Euro, ISBN 978-3-406-69740-1.

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