Di., 19.06.2018

Schauerroman «Pik-Bube» - Alptraum eines Schriftstellers

Joyce Carol Oates ist seit Jahrzehnten aus dem amerikanischen Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken.

Joyce Carol Oates ist seit Jahrzehnten aus dem amerikanischen Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken. Foto: Daniel Joubert

Ein Schriftsteller führt im Roman «Pik-Bube» von Joyce Carol Oates ein erfolgreiches literarisches Doppelleben. Aber dann gerät seine wohlorganisierte Existenz aus den Fugen und das Grauen wandert von den Buchseiten in seine Realität.

Von dpa

Berlin (dpa) – Ein erfolgreicher Schriftsteller steht im Mittelpunkt des Romans «Pik-Bube» der amerikanischen Autorin Joyce Carol Oates. Andrew J. Rush ist Mitte 50 und hat sich einen Namen als Autor komplexer, sehr gut durchdachter Krimis mit einem leichten Gruselfaktor gemacht.

Nicht ohne Stolz berichtet er von seinem Spitznamen, der ihn als «Stephen King für Bildungsbürger» beschreibt.

Rush sieht sich selbst nicht als großen Literaten, aber wegen seiner Bücher können er und seine Frau sich ein Anwesen im ländlichen New Jersey leisten, über das schon in einer Zeitschrift berichtet wurde, und auch sonst ein entspanntes Leben führen. Grundlage von Rushs Erfolg ist harte Arbeit. All seine Romane sind sorgsam konzipiert und werden immer wieder überarbeitet, um ja keine Schwächen mehr zu haben, wegen derer der Autor kritisiert werden könnte.

Aber einige Zeit bevor der Roman einsetzt, hat Rush ein neues Ventil gefunden. Unter dem Pseudonym «Pik-Bube» schreibt er blutrünstige Horrorromane, die zu Rushs Entsetzen fast so hohe Auflagen erzielen wie seine offiziellen Bücher. Dabei schreibt er diese Bücher gewissermaßen nebenher, nachdem er sein offizielles Tagwerk vollbracht hat.

Auch wenn Rush einen Teil seines Erfolges aus Imagegründen verleugnet, so freut er sich doch über sein Alter Ego, weil ihm diese Bücher leicht von der Hand gehen. Pik-Bube erlaubt ihm die Freiheiten, die er sich als Andrew Rush versagt.

Dann gerät Rushs wohlorganisierte Welt aus den Fugen. Er wird zu einer Anhörung vor Gericht vorgeladen, weil ihm eine ihm völlig unbekannte Frau vorgeworfen hat, bei ihr eingebrochen und zudem geistigen Diebstahl in seinen Romanen begangen zu haben.

Rush ist zutiefst irritiert, zugleich aber auch fasziniert von der Frau, die ihn des Diebstahls beschuldigt. Rush versucht zu verstehen, was in ihr vorgeht, und gerät dabei in eine bemerkenswerte geistige Entwicklung. Pik-Bube beginnt, eine immer größere Rolle in Rushs Leben zu spielen. Anfangs nur ein Pseudonym, wird Pik-Bube zu einer Stimme, mit der sich Rush unterhält und die einen immer größeren Einfluss auf Rushs Handlungen bekommt.

Joyce Carol Oates erzählt mit merkbarem Vergnügen, wie Andrew J. Rush mehr und mehr die Kontrolle über sich und sein Leben verliert. Die immer intensiver werdenden Dialoge zwischen Rush und Pik-Bube zeigen nicht nur zunehmende psychische Probleme, sie bringen auch die Handlung voran, bis hin zu Pik-Bubes Satz: «Die Hexe hat einen Fluch gegen dich verhängt. Was wirst du tun, um ihn zu bannen?»

Je mehr Rush in psychische Nöte gerät, umso mehr wird «Pik-Bube» zu einem klassischen Schauerroman einschließlich verwunschenem Haus, schwarzer Katze und unerklärbaren Funden. Die vielen Verweise auf Edgar Allan Poe, Bram Stoker, Mary Shelley und Stephen King platzieren «Pik-Bube» ganz bewusst in einer literarischen Tradition.

Joyce Carol Oates, die am 16. Juni 80 Jahre alt wurde, ist eine der bekanntesten und auch produktivsten Autorinnen der modernen USA. Insbesondere ihre großen Romane «Jene» (1975) und «Wofür ich gelebt habe» (1995) zählen zu den anerkanntesten Gesellschaftsporträts der vergangenen Jahrzehnte.

«Pik-Bube» ist ein Buch, das sehr bewusst in einer literarischen Tradition steht und diese in einer modernen Version präsentiert. Darüber hinaus ist die Erzählung spannend und ungemein unterhaltend.

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