So., 01.05.2016

Musik Händel-Festspielchef: «Es ist wie eine Zeitreise»

Der künstlerische Leiter der Internationalen Händel-Festspiele, Laurence Cummings bei einer Probe am Cembalo.

Der künstlerische Leiter der Internationalen Händel-Festspiele, Laurence Cummings bei einer Probe am Cembalo. Foto: Swen Pförtner

Warum lieben die Menschen lange Barockarien? Weil sie aufregend sind, sagt Laurence Cummings selbstbewusst. Den künstlerischen Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen beschäftigen auch aufregende Pläne: Alle Opern Händels will er 2020 aufführen.

Von dpa

Hannover (dpa) - Vorklassische Musik aus der Zeit vor Mozart hat einen Siegeszug auf den Bühnen der Welt angetreten.

Die Renaissance der Werke Georg Friedrich Händels ging vor allem von Göttingen aus, wo die Internationalen Händel-Festspiele in vier Jahren ihr 100-jähriges Bestehen feiern - eines der ältesten Festivals für Barockmusik überhaupt.

Laurence Cummings als künstlerischer Leiter und Tobias Wolff als Intendant haben für 2020 eine Vision: Alle 42 Opern Händels sollen gezeigt werden.

Frage: Braucht ein Komponist wie Händel eigentlich ein eigenes Festival?

Cummings: Ja, selbstverständlich. Es gibt einfach sehr viel Musik, 42 Opern, dazu Oratorien, also gibt es auch Musik, die das Publikum noch nicht kennt. Festivals können sich mit den weniger vertrauten Werken befassen, während die Opernhäuser die bekannten Stücke spielen. Wir genießen den Luxus eines treuen Publikums, der Händel-Familie in Göttingen, das fasziniert von den weniger bekannten Stücken ist.

Frage: Eine gewisse Gefahr besteht darin, dass Festivalbesucher sich an die Qualität und den musikalischen Luxus von Festspielen gewöhnen - Dinge, die aber nur Festspiele bieten können. Oder?

Cummings: Ich glaube, Qualität zeugt Qualität. Festivals können gewissermaßen Treibhäuser der Kreativität sein. Es ist aber kein Entweder-Oder, die Qualität der Opernhäuser bei der Aufführung Alter Musik hat ebenfalls unglaublich zugenommen - und es gibt auch Zusammenarbeit zwischen Festivals und Opernhäusern.

Wolff: Es gibt inzwischen eine junge Generation, die selbstverständlich mit Alter Musik aufgewachsen ist. Das war in meiner Generation noch nicht so, da kam man erst sehr spät zu barocken Instrumenten. Dadurch, dass so viel Barock gespielt wird, haben wir auch immer bessere Leute, die sich damit identifizieren. Es ist also eine Qualitätssteigerung auf allen Ebenen.

Frage: Warum sind so viele Menschen gefesselt von der Barockmusik?

Cummings: Es nimmt seit den 1970er Jahren zu - damals entstand eine Bewegung, die die Musik auf alten Instrumenten spielen wollte. Viele Werke waren vorher nie aufgeführt worden. Damals galt die Da-Capo-Arie als problematisch, weil der A-Teil wiederholt wird. Aber das ist so nicht richtig - heute verstehen wir mehr von musikalischer Auszierung, und die Da-Capo-Arie wird dadurch aufregender. Das moderne Orchester spielte damals kein Barock-Repertoire. Ich liebe es aber, mit modernen Orchestern Barockmusik zu erarbeiten.

Frage: Wie schwierig ist es, ein modernes Orchester auf Barockmusik einzustimmen?

Cummings: Es dauert etwas länger als mit einem Barockorchester, weil Dinge erklärt werden müssen. Aber sie lieben die Musik. Ich glaube, der Grund, warum sie lange die Alte Musik etwas gefürchtet haben, ist, dass sie immer exzellent klingen wollen. Und wenn sie das nicht sofort erreichen, macht sie das nervös. Aber wenn sie feststellen, dass sie nicht nur korrekt, sondern plötzlich auch brillant klingen...

Wolff: Vor 20, 30 Jahren gab es diese Glaubensgrundsätze, wonach es eine Qualitätseinbuße bedeuten sollte, wenn ohne Vibrato gespielt wurde. Da sind wir heute drüber hinweg. Auch bei normalen Orchestern hat sich die Einstellung geändert, es wird als Bereicherung empfunden, nicht mehr als Rückschritt.

Cummings: Es ist ohne weiteres möglich, die Musik mit modernen Instrumenten großartig zu spielen. Aber Barockorchester sind doch speziell, sie konzentrieren sich auf eine bestimmte Klangwelt und auch eine bestimmte Zeit. Es ist fast wie eine Zeitreise, zu versuchen, die Bedingungen eines bestimmten Zeitpunkts wieder herzustellen. Das ist es möglicherweise, was das Publikum liebt - die Verbindung zur Vergangenheit.

Frage: Die Händel-Festspiele in Göttingen sind mittlerweile sehr bekannt - was ist ihr Plan für die Zukunft des Festivals?

Cummings: Göttingen ist das älteste Musikfestival für Alte Musik. 2020 feiern wir den 100. Geburtstag, dafür planen wir bereits. Unsere Idee ist, bis 2020 alle Opern Händels aufgeführt zu haben. Drei davon fehlen noch.

Wolff: 2020 wollen wir dem Publikum die Möglichkeit geben, alle 42 Opern Händels zu hören. Die Göttinger Händel-Renaissance hat bei uns 1920 ihren Ursprung genommen. Was noch fehlt, ist ein ganzer Opern-Zyklus. Das wird nicht alles szenisch sein, es wird verschiedene Formate geben, auch Film und in reduzierter Form, etwa als Lesung. Wir sind jetzt auf der Suche nach Kooperationspartnern und überlegen, welche Ensembles wir einladen. Wir müssen auch schon anfangen, über die Finanzierung nachzudenken. Wir wissen noch nicht, ob wir es finanziert bekommen, aber die Vision ist da.

Frage: Wie sieht es denn so kurz vor dem Start der diesjährigen Festspiele mit dem Ticketverkauf aus?

Wolff: Es gibt schon einige ausverkaufte Veranstaltungen, einige sind sehr gut verkauft, so dass ich mir überhaupt keine Sorgen mache. Wir sind jetzt etwa bei 90 Prozent der Einnahmen, die ich geplant habe. Wir planen mit Einnahmen von etwa 450 000 Euro und haben 13 000 Karten im Verkauf.

ZUR PERSON: Laurence Cummings, 48, ist Dirigent und ein gefeierter Solist, er spielt Cembalo und Orgel. Seit 2011 ist er künstlerischer Leiter der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen - und Händel fühlt er sich verbunden, denn er leitet außerdem seit 1999 das London Handel Festival. Darüber hinaus ist er an der Royal Academy of Music Leiter der Abteilung für historische Aufführungspraxis.

ZUR PERSON: Tobias Wolff, 40, ist seit 2011 der geschäftsführende Intendant der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen. Zuvor war er von 2006 bis 2009 Chefdramaturg an Theater und Philharmonie Thüringen, von Oktober 2010 an war er dort kommissarischer Verwaltungsdirektor. Studiert hatte er in Cambridge und an der Handelshochschule Leipzig.

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