So., 24.09.2017

Volksbühne und BE Theaterkampf und Theaterkunst in Berlin

Stefanie Reinsperger als Grusche Vachnadze und Nico Holonics als Simon Chachawa in dem Brecht-Stück «Der kaukasische Kreidekreis».

Stefanie Reinsperger als Grusche Vachnadze und Nico Holonics als Simon Chachawa in dem Brecht-Stück «Der kaukasische Kreidekreis». Foto: Soeren Stache

Alles nur Theater! Belagerungszustand an der Volksbühne. Premieren-Marathon am Berliner Ensemble. Die Hauptstadt erlebt ein kunstsinniges, kämpferisches Wochenende. Dercon sagt: Jetzt ist die Politik gefragt.

Von dpa

Berlin (dpa) - Selten wird um die Zukunft des Theaters so handfest gekämpft. Kunst- und Politaktivisten halten Chris Dercons Volksbühne besetzt. Und im Schatten der Belagerungs-Hysterie startet Oliver Reese am Berliner Ensemble in die Ära nach Claus Peymann - mit großer Schauspielkunst.

Einen Triumph feiert die 29-jährige Österreicherin Stefanie Reinsperger. Ihr Berlin-Debüt gab die preisgekrönte Schauspielerin am Samstagabend in der Rolle der mitfühlenden Magd Grusche in Brechts «Der kaukasische Kreidekreis». Die Zuschauer jubelten.

An der Volksbühne will das Publikum sein Programm dagegen selbst machen. Seit Freitagnachmittag belagern Aktivisten das Theater des ungeliebten neuen Intendanten Dercon. Ein Künstlerkollektiv namens «Staub zu Glitter» kündigte an, in der Volksbühne solle ein «Anti-Gentrifizierungszentrum» entstehen. Die Übernahme sei als «darstellende Theaterperformance» zu sehen, ein eigenes Programm werde auf die Beine gestellt. Bis dahin wird erstmal Party gemacht.

Dercon taucht zuerst ab, verhandelt dann noch in der Nacht gemeinsam mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke) mit den Besetzern - und zeigt sich dann zunächst relativ gelassen. Bitte Hausregeln beachten, das Haus nicht beschädigen und den Mitarbeitern friedlich begegnen, appelliert das Volksbühnenteam an die Eindringlinge. «Und bitte lüftet mal.» Von Räumung des Hauses ist erstmal nicht die Rede.

Am Sonntagnachmittag heißt es dann in einer Erklärung von Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock: «Wir fordern, dass die Politik jetzt dringend ihrer Verantwortung nachkommt und handelt.» Sie verurteilten die Besetzer und deren Anliegen nicht, ihre stadtpolitischen und sozialen Themen seien wichtig für die Hauptstadt. «Aber wir verurteilen die unverantwortliche Art und Weise, wie sie sich am Freitagnachmittag das Haus gegriffen haben.»

Die Volksbühnen-Besetzung wird auch von den Besuchern des Berliner Ensembles leidenschaftlich diskutiert. Als der Vorhang aufgeht, ist dort aber erstmal echtes Theater angesagt. Bereits am Donnerstagabend begann der Premieren-Marathon, mit dem Reese seine erste Spielzeit startet.

Zum Einstand spritzt das Theaterblut in Antú Romero Nunes' Version von Camus' Tyrannen-Drama «Caligula». Die Titelrolle spielt die famose Constanze Becker, die den grausamen Diktator als sinnsuchenden Nihilisten zeigt. Während die als Horror-Clowns ausstaffierten Schauspieler beeindrucken, kann die Regie nicht ganz überzeugen.

Mit der zweiten Premiere am Freitagabend löst Reese dann sein Versprechen ein, aus dem Berliner Ensemble in Zukunft eine Bühne für internationale zeitgenössische Dramatik zu machen. Als deutschsprachige Erstaufführung zeigt die Slowenin Mateja Koleznik das düstere Beziehungsdrama «Nichts von mir» des Norwegers Arne Lygre - mit Stars wie Corinna Kirchhoff, Judith Engel und Anne Ratte-Polle. Drei Frauen und drei Männer erzählen in dem Stück in ständig wechselnden Rollen, aber identisch angezogen und frisiert vom tragischen Schicksal einer Familie.

Die Versuchsanordnung der Gefühle und Ereignisse in einer nordisch-kühlen Wohnung hat etwas sehr Abstraktes. Die mit Dramen wie Tod, Krankheit und Untreue verbundenen Gefühle werden von den Charakteren auf der Bühne nicht ausgelebt, sie sollen sich im Zuschauer selbst entwickeln.

Als Höhepunkt des Premieren-Reigens wurde am Samstagabend dann Thalheimers «Kreidekreis» heftig beklatscht. Mit diesem Werk hatte Brecht 1954 das Theater am Schiffbauerdamm neu eröffnet. In Thalheimers greller, mit live gespielter E-Gitarre unterlegter und von stark überzeichneten Charakteren geprägten Inszenierung sticht Reinsperger heraus.

Sie spielt die vom Schicksal gebeutelte Grusche und ihren Kampf um das von ihr gerettete, fremde Kind mit großer Wahrhaftigkeit. Als einzige der Darsteller darf sie in Thalheimers Brecht-Interpretation ganz bei sich und der Figur bleiben. Ganz ohne Slapstick, Schrei-Arien und Endlos-Satz-Schleifen entstehen so herzzerreißende, bleibende Momente. 

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