Di., 22.05.2018

Allerletzter Vorhang Berliner Traditionsbühne wird abgerissen

Ist bald Geschichte: die Komödie am Kurfürstendamm in Berlin.

Ist bald Geschichte: die Komödie am Kurfürstendamm in Berlin. Foto: Britta Pedersen

Einen «Skandal» nennt der Dramatiker Rolf Hochhuth den Abriss der Kudamm-Bühnen. Doch es ist nicht mehr abzuwenden. Eine Berliner Institution verschwindet.

Von dpa

Berlin (dpa) - Der große Regisseur Max Reinhardt erfand hier in den 1920er Jahren das deutsche Unterhaltungstheater. Später gehörten Bühnenstars wie Inge Meysel und Harald Juhnke, Katja Riemann und Otto Sander, Katharina Thalbach und Maria Furtwängler zum Stammpersonal.

Jetzt ist nach fast 100 Jahren Schluss. Die traditionsreichen Kudamm-Bühnen in Berlin werden abgerissen, sie müssen einem Shopping-Center weichen. Am 27. Mai fällt der letzte Vorhang.

«Unsere Familie ist seit drei Generationen mit dem Gebäude verbunden. Wir sind sehr traurig, dass wir Abschied nehmen müssen», sagt der Theaterdirektor Martin Woelffer (54), der den Betrieb seit 15 Jahren führt. «Andererseits sind wir froh, dass der Kampf endlich vorbei ist. Wir freuen uns auf die neuen Herausforderungen.»

In einem mehr als zehnjährigen hartnäckigen Ringen haben die Woelffers einen Kompromiss erreicht, der zumindest ihr Überleben sichert. Das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm ziehen für die kommenden drei bis vier Jahre in das Schillertheater, ebenfalls im Stadtteil Charlottenburg. In dem neuen Shopping-Center an ihrem angestammten Platz entsteht ein neues Theater - die Familie wird maßgeblich an der Planung beteiligt.

Viele Berliner sind gleichwohl tief enttäuscht. Denn die beiden historischen Bühnen an der bekanntesten Einkaufs- und Flaniermeile der Stadt gelten als der Inbegriff des alten West-Berlin. Sie wurden einst von dem jüdischen Architekten Oskar Kaufmann mit viel Plüsch, Gold und Liebe zum Detail geschaffen. Max Reinhardt etablierte hier ein neues Boulevardtheater, das es bis dahin nur in London und New York gab. Die Woelffers führten die Tradition mit gehobener Unterhaltung für ein eher gesetztes Berliner Publikum fort.

Doch seit 1990 wird das sogenannte Kudamm-Karree mit den beiden Bühnen zum Spekulationsobjekt - ein Beispiel für die Immobilienentwicklung vielerorts in der Stadt. Das zunehmend heruntergekommene Areal wechselt für steigende Preise mehrfach den Besitzer, die Theater sind für den geplanten Neubau eines lukrativen City-Quartiers ein Klotz am Bein. Ihr Mietvertrag wird gekündigt. Trotz Rückendeckung aus der Bevölkerung kommt es schließlich zur Räumungsklage.

Erst Anfang 2017 kann Berlins neuer Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nach mühseligen Verhandlungen die Einigung mit dem aktuellen Besitzer Cells Bauwelt vermitteln. Die Enttäuschung: Es wird nur noch ein Theater mit 650 Plätzen geben (bisher zusammen 1400); zudem liegt der Raum deutlich abgeschiedener vom Publikumsstrom in einem Kellergeschoss. Die Vorteile: Der Mietvertrag läuft über mindestens 20 Jahre, Woelffer bekommt statt zuletzt 235 000 Euro Landesförderung jährlich künftig rund das Vierfache.

«Die Kudamm-Bühnen gehören einfach zu Berlin, sie sind Teil einer großartigen und traditionsreichen Theatergeschichte der Stadt», sagt Senator Lederer. Der Verbleib der Spielstätte am historischen Ort trage dazu bei, die Buntheit und Vielfalt der Berliner Bühnenkultur zu erhalten. Für Aufsehen sorgten zuletzt allerdings Recherchen der «Berliner Zeitung», nach denen hinter der Münchner Firma Cells Bauwelt ein russischer Milliardär stecken könnte, der auf der Sanktionsliste der EU steht.

Die Theater sehen ihrem Auszug deshalb mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Trotzdem soll am Samstag (26. Mai) bei einem großen Abschiedsfest nochmal mit vielen Künstlern, Wegbegleitern und Freunden gefeiert werden. Am Sonntag ist dann endgültig die letzte Aufführung geplant: Katharina Thalbach steht in der von ihr selbst inszenierten Komödie «Der Raub der Sabinerinnen» als der berühmte Theaterdirektor Striese auf der Bühne - mit dabei auch ihre Tochter Anna und die Enkelin Nellie.

Danach sind für den Auszug vier Wochen Zeit, ehe der Abrissbagger anrollt. «Das werde ich mir allerdings nicht antun», sagt Woelffer. «Das bricht mir das Herz.»

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