Mo., 09.05.2016

Film «Remainder»: Verschachteltes Rätsel

In «Remainder» versucht Tom, gespielt von Tom Sturridge, seine Erinnerungen wiederzuerlangen.

In «Remainder» versucht Tom, gespielt von Tom Sturridge, seine Erinnerungen wiederzuerlangen. Foto: Piffl Medien

Filme, in denen nach einem Gedächtnisverlust nach der Vergangenheit geforscht wird, gibt es viele. So weit wie die Hauptfigur im Film «Remainder» ging dabei aber kaum jemand. Nach dem Bestseller von Tom McCarthy.

Von dpa

Berlin (dpa) - Was macht man, wenn einem eine üppige Entschädigung in den Schoß fällt - aber das Gedächtnis ist weg und man weiß nicht, was passiert ist. Man könnte natürlich dem Rat des Anwalts folgen, sich mit dem Geld einen netten Neuanfang gönnen und nicht zu viele Fragen stellen.

Aber für den Helden des Films «Remainder» ist das keine Option. Denn da sind Erinnerungs-Fetzen, die ihn quälen: ein Haus, eine alte Frau im Treppenhaus, ein Junge, dessen Gesicht er nicht deutlich sehen kann.

Und in der Realität ist es auch leichter gesagt als getan loszulassen. Wie geht man mit einer Frau um, die vertraut agiert, aber an die jede Erinnerung fehlt? Oder mit jemandem, der sagt, er sei dein bester Freund? Außerdem sind da noch zwei zu Gewalt neigende Typen, die auf der Suche nach einem schwarzen Koffer sind. Und wieso hat man immer wieder das Gefühl, eine Situation bereits durchlebt zu haben?

Also geht der junge Mann, gespielt von Tom Sturridge, einen radikalen Weg: Er versucht, die Realität aus seinen Visionen nachzubauen, Element um Element. Das viele Geld macht es möglich. Das Haus wird gefunden, geräumt und umgebaut. Für die Rollen der Figuren aus seiner Erinnerung werden Statisten gefunden und eingekleidet. Es geht um die Kombination von Bewegung, Gerüchen und Tönen, die für uns Situationen aus der Vergangenheit lebendig machen können. «Nur wenn jedes Detail stimmt, kann es funktionieren!»

Die alte Frau, sie hat immer Leber gebraten und der Geruch füllte das Treppenhaus - also brät sie Leber. Der Pianist spielt Klavier, der Mann im Hof repariert sein Motorrad. Leute, deren Gesichtszüge in der Erinnerung verwaschen sind, bekommen Stoff über den Kopf gestülpt.

Der Mann ohne Gedächtnis bewegt sich darin, sagt er «Stopp!», friert alles ein. Nur die Katzen auf dem Dach, die lassen sich nicht mit Geld kontrollieren und fallen gelegentlich herunter. Die Methode zeigt insgesamt aber Wirkung: Neue Teile der Vergangenheit kommen ans Licht - auch wenn es das Leben nicht unbedingt einfacher macht.

Regisseur Omer Fast, der in Israel geboren wurde und in Berlin lebt, ist eigentlich ein bekannter Videokünstler. Seine Installation fanden Platz in großen Museen und Galerien in New York, London oder Wien. Für die Kunstwerke verarbeitete er Eindrücke aus dem Holocaust, den Kriegen in Afghanistan und dem Irak oder vom Schicksal eines Asylsuchenden in Großbritannien.

«Remainder» ist sein erster Spielfilm - und das Thema ist gleich ein hartes Pflaster. Schließlich gab es in den vergangenen Jahren so viele Filme mit Gedächtnisverlust, dass die Zuschauer auf viele mögliche Wendungen schon vorbereitet sind. Die da sein könnten: Die Freunde sind keine Freunde, die Realität nicht echt, gerade das, was offensichtlich erscheint, ist unecht - oder gerade doch.

Regisseur Fast kann aus dieser Erwartungsblase zum einen dank der Bestseller-Vorlage von Tom McCarthy ausbrechen, auch wenn er aus ihr - wie fast bei jeder Filmadaptation - viel Komplexität herausdampfen musste. Dann sind es aber auch die Bilder, die den Film aus der Reihe fallen lassen. Der schlafwandlerische Rhythmus, das Gefühl, mit den Augen des Mannes ohne Gedächtnis zu sehen, das mal harte, mal warme Licht - Fast mag als Regisseur ein Debütant sein, als visueller Poet ist er es nicht.

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