Mo., 30.05.2016

Film «Der Moment der Wahrheit»: Anti-«Spotlight» mit Redford

In «Der Moment der Wahrheit» spielt Robert Redford den bekannten US-amerikanischen Fernsehmoderator Dan Rather.

In «Der Moment der Wahrheit» spielt Robert Redford den bekannten US-amerikanischen Fernsehmoderator Dan Rather. Foto: SquareOne/Universum Film

«Der Moment der Wahrheit» ist der Film zum Skandal. 2004 gab Dan Rather nach einem schlampigen Bericht gegen George W. Bush die Moderation der beliebtesten Nachrichtensendung der USA ab. Ein neues Drama erzählt diese Geschichte - und bezieht eindeutig Stellung.

Von dpa

New York (dpa) - Eigentlich könnten die Zeiten für das Journalismusdrama «Der Moment der Wahrheit» nicht besser sein: Landauf, landab wird die Rolle der Medien in der Gesellschaft diskutiert und auch mit zehn Jahren Abstand ist der frühere US-Präsident George W. Bush nicht gerade beliebt.

Außerdem bietet der Film mit Robert Redford und Cate Blanchett zwei Stars, die Kunst und Kommerz hervorragend verbinden. Doch dem Erfolg des Films über einen in den USA noch gut bekannten Medienskandal steht etwas im Weg: Dieser «andere» Journalismusfilm der Saison. Der, den alle schon gesehen haben.

«Spotlight» startete in den USA vergangenen Herbst drei Wochen nach «Der Moment der Wahrheit», hatte aber schon früh die deutlich bessere Mund-zu-Mundpropaganda. Bei den Oscars im Februar schließlich gewann «Spotlight» den Preis als bester Film des Jahres. Der im Original «Truth» («Wahrheit») genannte Konkurrent hat das Rennen trotz passabler eigener Qualitäten verloren - vielleicht ein Grund, warum sich der deutsche Verleih mit dem Start hierzulande etwas mehr Zeit ließ.

Nun wird also erst jetzt die Geschichte eines der größten US-Medienskandale der vergangenen zwanzig Jahre nacherzählt. Dan Rather (Redford) war als Moderator der wöchentlichen Investigativ-Sendung «60 Minutes» in den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte eine Institution, ein Welten-Deuter mit dem Gewicht eines Hanns Joachim Friedrichs oder Ulrich Wickerts bei uns.

Im Jahr 2004 hatte Rather im Präsidentschaftswahlkampf zwischen George W. Bush und John Kerry einen Bericht seiner Redakteurin Mary Mapes (Blanchett) in der Sendung. Darin erhoben die Reporter die Anschuldigung, dass sich Bush vor der Einberufung in den Vietnamkrieg gedrückt habe. Stattdessen habe er bei der texanischen Nationalgarde unterschrieben - und sei dort monatelang nie persönlich erschienen. Zunächst sah das nach einem Coup für die Journalisten aus, doch schnell erwiesen sich die Quellen als weit wackliger als angenommen. Mapes wurde gefeuert, Rather trat zurück, CBS entschuldigte sich.

Der Film ist also keine übliche Heldengeschichte, sondern versucht stattdessen, die Erinnerung an die Journalisten gerade zu rücken. Nicht deren fehlende Recherche, sondern einer der ersten Internetmobs in der Online-Geschichte und eine mutmaßliche Vertuschungskampagne der Regierung bringt die beiden Stars zu Fall. Regisseur James Vanderbilt bezieht deutlich Stellung und verwendet viel Zeit für ein Hohelied auf ehrwürdige Reporterarbeit. Als Rather sich einmal mit einem jungen Kollegen unterhält, fragt ihn dieser, warum er mit Journalismus angefangen habe. «Neugier», antwortet Rather. «Und warum haben Sie angefangen?» Der junge Kollege schaut entrückt: «Ihretwegen.» 

Und so entwickelt «Der Moment der Wahrheit» Punkt für Punkt die Verteidigung der beiden, bis Mapes in einer dramatischen Schlussszene beklagen darf, was alles falsch läuft in den Medien. «Alle zeigen mit dem Finger auf andere und schreien herum», heißt es in einer Szene. «Und sie hoffen, dass die Wahrheit irgendwo entlang des Weges verloren geht.»

Das mag korrekt sein, ist aber in seiner Entschiedenheit und im predigenden Ton ärgerlich. Verwundern sollte die etwas einseitige Sichtweise indes nicht, schließlich basiert das von Vanderbilt geschriebene Drehbuch auf einer Biografie der echten Mary Mapes. Hinzu kommt, dass der Film es deutschen Zuschauern nicht gerade leicht macht. Spürbar wird vorausgesetzt, dass die Kinogänger die kulturelle Bedeutung der handelnden Figuren kennen.

Gewohnt hochklassig sind jedoch die schauspielerischen Leistungen, so dass der Film durchaus für Interessierte eine Ergänzung im bestehenden Kanon der Journalismusfilme ist - an die präzise und differenzierte Qualität von «Spotlight» reicht er aber eben nicht heran.

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