Mi., 04.05.2016

Kunst Von der Bahn zu Minimal Art: Carl Andre in Berlin

Die Skulptur «6-Metal-Fugue» aus 216 Metallplatten, geschaffen vom US-Künstler Carl Andre.

Die Skulptur «6-Metal-Fugue» aus 216 Metallplatten, geschaffen vom US-Künstler Carl Andre. Foto: Bernd Von Jutrczenka

«Ich bin kein Atelierkünstler, ich bin ein Ortskünstler», so hat der US-Bildhauer Carl Andre seine Arbeit beschrieben. Berlin widmet dem Vater des Minimalismus eine große Werkschau.

Von dpa

Berlin (dpa) - Achtung: Dieses Kunstwerk darf man ausdrücklich betreten! 1296 Metallquadrate aus Magnesium, Alu, Eisen, Kupfer, Zink und Blei hat der US-Bildhauer Carl Andre in einem genau ausgetüftelten Muster auf dem Fußboden verlegt - entsprechend dem musikalischen Kompositionsprinzip der Fuge.

Die große Bodenarbeit empfängt in der lichtdurchfluteten historischen Halle des früheren Hamburger Bahnhofs in Berlin die Besucher.

Unter dem Titel «Sculpture as Place» (Skulptur als Ort) stellt das Museum für Gegenwart hier den Vorreiter der Minimal Art in einer spektakulären Ausstellung vor. 7500 Quadratmeter Fläche sind freigeräumt - nur grauer Industrieboden, weiße Wände und Andres minimalistisches Werk aus rohem Holz, Stein und Metall.

Mehr als 300 Objekte aus über fünf Jahrzehnten haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen, von den bekannten Bodenskulpturen über Fotografien und Gedichte bis zu den selten gezeigten «Dada Forgeries» (Dada Fälschungen).

«Die bisher größte Einzelausstellung des Künstlers», sagt Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann vor der Ausstellungseröffnung am Mittwoch. «Wir hoffen, diesem Werk genau den Raum zu geben, den es braucht.»

Bekannt wurde der heute 80-jährige Andre als der Bildhauer, der die Skulptur radikal von ihrem Sockel befreite. «Meine Arbeit bedeutet nichts», sagte er einmal. «Es geht mir bloß darum, Materialien in der größtmöglichen Klarheit der Form zu präsentieren.» Der Betrachter wird zum aktiven Besucher gemacht.

Beispiel in der riesigen Eingangshalle ist auch die Bodenarbeit «Zeitlos 5x7», die Andre 1988 für die gleichnamige Ausstellung des Schweizer Kurators Harald Szeemann schuf - genau für die Stelle, an der sie auch heute liegt. Damals war der Hamburger Bahnhof noch ein heruntergekommenes Gebäude, ehe er 1996 unter dem Dach der Nationalgalerie als Museum der Gegenwart öffnete.

In den angrenzenden Rieckhallen, den früheren Speditions- und Lagerhallen, öffnen sich an einem über 300 Meter langen Gang nacheinander mehr als ein Dutzend Ausstellungsräume. Zu den Glanzstücken hier gehört etwa die dreiteilige frühe Arbeit «Element Series», die mit ihren groben Holzklötzen an Eisenbahnschienen erinnert - später sein Markenzeichen. Andre arbeitete damals nach einem ersten künstlerischen Scheitern als Bremser und Rangierer bei der Bahn.

«Alle Werke sind für einen bestimmten Raum und Ort geschaffen», sagt Kuratorin Lisa Marei Schmidt. «Die Arbeiten wirken auf den Raum und umgekehrt.» Zu ihren Lieblingswerken gehört «Scatter Piece» (1966), eine Sammlung von Kugellagern, Aluröhren und Metallkugeln, die aus einer Tasche auf den Boden gekippt werden und so ein Gegenbild zu den vielen strengen Formen in den anderen Räumen geben.

Andre selbst hat das Konzept der Ausstellung von New York aus begleitet, die Reise nach Berlin war für den alten Herrn zu beschwerlich. 1968 hatte er auf der Documenta in Kassel einen seiner ersten wichtigen Auftritte in Europa. «Er ist mit Deutschland tief verbunden», sagte seine Frau, US-Künstlerin Melissa Kretschmer. «Deshalb macht die Ausstellung hier in Berlin solchen Sinn.»

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