Di., 18.10.2016

Seltsame Interieurs Zum Gruseln: «Unheimlich» im Kunstmuseum Bonn

"Das Geheimnis" von Felix Nussbaum im Kunstmuseum Bonn.

"Das Geheimnis" von Felix Nussbaum im Kunstmuseum Bonn. Foto: Oliver Berg

Nirgendwo fühlt man sich normalerweise sicherer als in den eigenen vier Wänden. Doch dann stößt man im Dunkeln an einen Gegenstand, der dort eigentlich nicht sein sollte, und schon wirkt alles fremd. Künstler wie Edvard Munch haben genau dieses Gefühl eingefangen.

Von dpa

Bonn (dpa) - Wer gerne Horrorfilme sieht, wird die Ausstellung «Unheimlich» im Kunstmuseum Bonn wohl nicht sehr gruselig finden. Keine Zombies, kein Kettensägenmörder, höchstens eine Fledermaus oder ein Gespenst, das auf der Tuschezeichnung von Alfred Kubin aber so freundlich aussieht, dass es als Illustration für ein Otfried-Preußler-Buch herhalten könnte. Die Jugend ist heute einfach härtere Sachen gewöhnt.

Nein, das Unheimliche kommt subtiler daher in der Ausstellung mit dem Untertitel «Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann». Da fehlt ein Stuhlbein, ein Vorhang rückt zur Seite, eine Tür öffnet sich ins Dunkel, ein Gesicht taucht im Spiegel auf. Eine Frau steht an der Wand, als gehöre der Betrachter zu einem Erschießungskommando. Ein Fensterrahmen wirft im Mondlicht ein Kreuz auf den Teppich.

Alle Räume einer Wohnung bergen ihr eigenes Schreckenspotenzial. Die Mäntel an einer Garderobe können aussehen wie Gehängte. Im dunklen Flur schimmert Licht unter einer Türritze hervor  - was geht dort vor sich? Treppen, Flure, Durchgänge - wohin mögen sie führen? Und was ist in den Tiefen des Eichenschranks verborgen? Selbst der einsturzgefährdete Bauklötzchenturm im Kinderzimmer kann gefährlich erscheinen, wenn man ihn so rot malt wie Heinrich Maria Davringhausen (1894-1970).

In der Welt der Kunst ist Edvard Munch, der Maler des «Schreis», der unangefochtene Fürst der Dunkelheit. «Krankheit, Irrsinn und Tod waren die schwarzen Engel an meiner Wiege», hat er resümiert. Sich selbst zeichnet er eingeklemmt zwischen Tischen, die wie Särge aussehen. Einmal malt er etwas, was man eigentlich gar nicht malen kann: den Geruch eines Zimmers. Eine Trauergesellschaft macht dem Toten zwar ihre Aufwartung, drängt sich aber an der gegenüberliegenden Zimmerseite zusammen. Titel: «Leichengeruch».

Das Kunstmuseum ist zurecht stolz darauf, zehn Munch-Werke - darunter mehrere großformatige Gemälde - in der Ausstellung vereint zuhaben. Die große Entdeckung der Schau ist aber der in Deutschland noch wenig bekannte Belgier Léon Spilliaert (1881-1946). Ein Selbstporträt von ihm als geisterhaft glimmende Gestalt mit verschatteten Gesichtszügen prangt auf dem Titel des informativen Katalogs.

Spilliaert sperrt ein Mädchen in eine Dachmansarde, sie wirkt wie eingekerkert. Die Überdecke auf dem Bett malt er wie ein Leichentuch, und selbst eine harmlose Topfpflanze wirkt bei ihm, betrachtet aus der Froschperspektive, wie ein sprungbereiter Dämon. Jeder noch so banale Gegenstand kann unheimlich werden, wenn sein Kontext verändert wird. Wer schon einmal im Dunkeln in seiner Wohnung gegen etwas gestoßen ist, das an diesem Platz eigentlich nicht sein sollte, weiß, was gemeint ist.

Es ist sicher kein Zufall, dass das Unheimliche gerade zu jener Zeit Einzug in das Interieur hielt, als Sigmund Freud mit seiner Psychoanalyse das Selbstbild des Menschen erschütterte. Die Räume können als Metaphern für das Ich gelesen werden: Es ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, weil es vom Es - von den dunklen Triebkräften - bedrängt wird. Heute fürchten wir vielleicht weniger die Triebe, aber das Desintegrieren des eigenen Ichs ist im Zeitalter der Demenzkrankheiten wohl eine größere Bedrohung denn je.

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