Mi., 01.06.2016

Auto Tempolimit auf Autobahnen: Sinnvoll oder staatliche Gängelung?

Auto : Tempolimit auf Autobahnen: Sinnvoll oder staatliche Gängelung?

Die Tachonadel jenseits der 200km/h: Legal ist das in Deutschland nur auf bestimmten Autobahn-Abschnitten möglich. Doch ginge es nach dem Willen einiger, soll auch diese Freiheit so schnell wie möglich eingeschränkt werden. Foto: adimas

Die Diskussion um ein Tempolimit ist fast so alt wie die Bundesrepublik. Doch wie schaut das Ergebnis aus, wenn die wichtigsten Argumente gegenüber gestellt werden?

Könnten Sie sich ein Deutschland vorstellen, in dem es keine Tempolimits gibt? Also wirklich gar keine, weder inner- noch außerorts, auch nicht in Spielstraßen? Was krass klingt, war in den ersten Nachkriegsjahren Realität: Schon 1910 galten für Autos Geschwindigkeitsbeschränkungen, innerorts lag sie bei 15km/h. Auch im Dritten Reich gab es ähnliche Regeln. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die westlichen Siegermächte die in den Köpfen vieler Deutscher verankerte Obrigkeitshörigkeit weg-erziehen. Ein Mitte: Staatliche Regelungswut auf ein Minimum beschränken – daher fielen auch sämtliche Tempolimits weg. Die frischgegründete BRD behielt dieses System bei. Erst ab 1. September 1957 wurde die Innerorts-Höchstgeschwindigkeit auf 50km/h festgelegt. Andere Limits folgten sukzessive – durch die vermehrte Motorisierung war die Zahl der Unfälle angestiegen.

Von Allgemeine Zeitung Coesfeld

Heute ist es nur noch auf den Autobahnen, und selbst dort nur auf Teilstücken, erlaubt, den Gasfuß durchzutreten. Und diese „Bastion der Raserei“ soll nach dem Willen vieler auch besser heute als morgen fallen. Doch warum eigentlich? 

Pro Tempolimit

Wer sich die Frage nach einem „Warum“, muss nur einen Blick zurück in die Geschichte werfen: Warum wurden in der BRD Tempolimits eingeführt? Weil es immer mehr Autos gab.

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Immer mehr Autos verstopfen die Autobahnen. Kein Tempolimit war vielleicht in früheren Zeiten sinnvoll, als es noch weniger Fahrzeuge gab, heute zwingt die Enge aber zur Einführung genereller Begrenzungen. Foto: © fotolia.com - Gina Sanders

Wo mehr Autos fahren, steigen die Unfallzahlen an. Das lässt sich weltweit beobachten. Anfang der 50er war es für Familien Luxus pur, ein Auto zu besitzen – heute sind zwei oder mehr völlig normal. Diese Automassen bringen manche Städte täglich an den Rand des Verkehrskollapses – weshalb dort auch wiederkehrend über ein Tempo-30-Limit diskutiert wird. Vollkommen zurecht: Britische Städte führten dieses Tempolimit testweise ein. Das Ergebnis waren nicht nur weniger Unfälle, sondern auch ein Plus für die Umwelt in zweierlei Hinsicht: Einerseits sinkt der Schadstoffausstoß eines Verbrennungsmotos, je weniger er leisten muss. Andererseits zeigte das britische Experiment: Viele Fahrer stiegen gleich aufs Fahrrad um.

Vor allem Kraftstoffverbrauch ist das Schlüsselelement, warum wir auch auf Autobahnen ein generelles Tempolimit benötigen: Ein Auto, das mit 180 rast, benötigt wegen des Luftwiderstandes ein Vielfaches dessen, was das gleiche Auto bei 130 verbrauchen würde. Ganz abgesehen von der Reaktionszeit, die sich exponentiell mit der Geschwindigkeit verlängert. Und das sieht selbst die Polizeigewerkschaft so: Die meisten Autobahn-Toten gibt es auf Stücken ohne Tempolimit und auch hier ist es einfachste Mathematik:

Autos werden immer schwerer. Energie ist das Produkt von Masse mal Beschleunigung. Und ein 1,5 Tonnen Mittelklassewagen, der mit 200 in ein Stauende rast, verursacht andere Schäden, als wenn der gleiche Unfall nur mit 130 passieren würde. Der weiter Trend zu noch schwereren SUVs ist hier gar nicht berücksichtigt. Wie die hessischen Grünen anmerken, würde eine gleichgeschaltete Autobahn-Geschwindigkeit auch Verkehrsflüsse harmonisieren: Die Automassen würden bei gleicher Geschwindigkeit besser dahingleiten, als wenn sich andauernd Ausweicher mit überhöhter Geschwindigkeit vorbeidrängeln würden.

Und gleichzeitig wäre eine solche Austrocknung des letzten „Raser-Sumpfs“ auch ein politischer Erfolg: Auch 2016 definiert sich der Preis von Neuwagen nach der Motorleistung. Hätten wir ein generelles Tempolimit, müssten sich die Hersteller andere Anreize für die Preisgestaltung suchen. Dann würde vielleicht nicht mehr der dickste Motor die Preise generieren, sondern der mit dem geringsten Verbrauch. Auch verursacht die Absicherung der deutschen Autobahnen für so hohe Tempi höhere Kosten, als wenn Leitplanken, Fahrbahnbelag und Co. „nur“ für 130km/h ausgelegt werden müssen. Und zudem sollten auch die Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen und Raser-Tricks empfindlich verschärft werden. Schon heute bauen sich Raser Radarwarner ein, die sie vor Blitzern warnen. Deren Besitz ist nämlich nicht strafbar, nur der Betrieb und das betriebsbereite Mitführen. Und wer erwischt wird, muss nur mit 75 Euro Bußgeld und vier Punkten rechnen. Da lacht jeder Besitzer einer 50000 Euro teuren PS-Schleuder nur und gibt weiter Gas.

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Foto: © fotolia.com - Gerhard Bittner

Was wir brauchen, ist also ein Tempolimit auch dort, wo noch Freiheit herrscht. Denn das hätte vor allem positive Folgen für die Umwelt, die Wirtschaft und nicht zuletzt auch das Gewissen der Fahrer: In unserem Land darf es schlicht keine Freiräume für derartige Straßen-Anarchie geben.

Contra Tempolimit

Rund 80 Prozent aller weltweiten Gesetzestexte wurden auf Deutsch verfasst. Das ist kein Klischee, sondern der schlichte Beweis, dass in Deutschland kaum etwas ohne staatliche Oberaufsicht funktionieren darf. Dass unter dieser Ägide auch das Tempolimit kommen soll, ist so nachvollziehbar wie traurig und zeigt, wie wenig in diesem Land von Freiheit gehalten wird, die nicht durch Gesetze in Bahnen gelenkt wird.

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Die meisten deutschen Verkehrstoten gibt es auf Landstraßen – dort, wo Tempolimits von 70 und 100km/h Rasen eigentlich verhindern sollten – nur abhalten tun sie niemanden. Foto: © fotolia.com - benjaminnolte

Doch schauen wir uns doch mal die Zahlen an: In Deutschland gibt es 12845 Kilometer Autobahnen, zählt man beide Fahrtrichtungen, werden daraus 25690 Kilometer. Die Bundesanstalt für Straßenwesen geht davon aus, dass gerade einmal 65,5 Prozent davon tatsächlich unlimitiert sind.

Gerade weil wir so viele Autos haben, ist ein Tempolimit schlicht unnötig: Wo kann an einem normalen Tag auf diesen 65,5 Prozent noch wirklich grenzenlos Gas gegeben werden, ohne dass man

  • nach wenigen Kilometern durch ein Tempolimit ausgebremst wird
  • durch die Verkehrsdichte gezwungen wird, vom Gas zu gehen?

Das Tempolimit ist also bereits auf den meisten Abschnitten Realität – ohne ein Gesetz, dessen Einführung zudem einen Haufen Kosten verursachen würde und für dessen Kontrolle das Personal fehlt. Schon heute halten sich Fahrer nicht an Geschwindigkeitsregeln – wer glaubt, dass diese bei einem Autobahn-Limit plötzlich wegfallen oder durch höhere Strafen der Staatskasse Mehreinnahmen bescheren würden, der hat, mit Verlaub, den Hang zur Realität verloren.

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Dank der Verkehrsdichte ist „Freie Fahrt“ auch auf unregulierten Autobahnabschnitten sowieso kaum noch möglich. Ein Tempolimit wäre also ein Gesetz ohne Grundlage. Foto: © fotolia.com - Kara

Wer wirklich zügig jenseits der 130 vorankommen will, muss das also nachts tun – und was herrscht dann nicht? Genau, der Verkehr, der zu Unfällen führt. Die Realität des Jahres 2016 sieht also so aus, dass vermeintliches Rasen nur in den Nachtstunden stattfindet und dann mangels Verkehr kaum Unfälle fordert. Wer tagsüber auch auf einem unbegrenzten Autobahnabschnitt sein Tempo nicht den Gegebenheiten anpasst, baut auch bei 130 einen Unfall. Auf Landstraßen gilt Tempo 100 oder gar 70, trotzdem sind das die Strecken, die mit Abstand die meisten Verkehrstoten fordern, doppelt so viele, wie alle anderen Straßenformen. Müsste dort ob der Begrenzung nicht „Friede auf Erden“ herrschen? Gleichsam hat fließender Verkehr bei hohem Tempo übrigens sehr viel weniger Auswirkungen auf die Umwelt, als permanentes Stop-and-Go, das durch die andauernde Unterbrechung des Verkehrsflusses per Geschwindigkeitsbegrenzung verursacht wird.

Und auch das ewige Argument der Wirtschaft ist bei genauerer Betrachtung hohl: Blicken wir doch über den großen Teich. In den USA herrschen sehr niedrige Höchstgeschwindigkeiten auf Autobahnen. Gemäß der Logik der Tempo-Limitierer müssten sich dort verbrauchsarme Autos wie warme Semmeln verkaufen. Interessant nur, dass auch dort die Hersteller ihre Preisgestaltung nach der Motorleistung auslegen: Der bärenstarke V8 im Camaro kostet mehr und ist beliebter als der verbrauchsarme Dreizylinder-Hybrid im japanischen Kleinwagen. Und ähnlich sieht es auf der ganzen Welt aus.

Selbst das britische Tempo-30-Experiment zeigt doch nur eines: Diese geringe Geschwindigkeit ist so schlecht für den Verkehrsfluss, dass sie nur Staus (und damit Abgasbelastungen) produziert und zwar in einem solchen Maß, dass die Autofahrer freiwillig aufs Fahrrad steigen. Wer das als Vorteil sieht, der glaubt auch, dass der erzwungene Umzug aus einer großen, aber teuer zu beheizenden Wohnung in ein Zelt hinter dem Haus ein guter Deal wäre.

Und nicht zuletzt: Für die Kosten und Umbaudauer einer Autobahn ist es absolut unerheblich, ob der Belag und die Leitplanken für 130km/h oder höhere Tempi ausgelegt werden. Was ein Tempolimit aber definitiv bringen würde: Autohersteller würden anfangen, bei Sicherheitseinrichtungen wie der Bremse zu sparen. Denn das sieht man bei den US-Modellen deutscher Autobauer tatsächlich: Ein Golf für die USA hat schwächer dimensionierte Bremsen, denn er muss ja im Zweifelsfall nicht von 200 auf Null runterbremsen können. Ob das ein Gewinn für die Sicherheit auf deutschen Straßen ist, wagt wohl jeder zu bezweifeln.

Das letzte Argument gegen eine Begrenzung der letzten autofahrerischen Freiheit ist vor allem ein moralisches: In unserem Land diktieren Gesetze, was wir wo in welcher Optik bauen dürfen. Es wird reguliert, wo sich eine Zigarette in der Öffentlichkeit angesteckt werden darf. Glühbirnen sind qua Gesetz ebenso verboten wie das Tanzen an manchen Feiertagen. Brauchen wir also wirklich noch ein weiteres Gesetz, dass unsere Freiheit in diesem Land noch weiter einschränkt? Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Auch mit einem Autobahn-Tempolimit wird es weiter Gesetzesbrecher geben, wird es weiter Verkehrsunfälle geben. Kriminelle halten sich nie an Gesetze, diese treffen immer nur den unbescholtenen Bürger.

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Schon heute greifen deutsche Gesetze in kleinste Lebensbereiche der Bürger ein. Ein Tempolimit wäre nur ein weiterer Schritt zur totalen Unfreiheit. Foto: © fotolia.com - Zerbor

Fazit

Bei ehrlicher Betrachtung hat ein Tempolimit zwar viele ehrenhafte Ziele. Aber seine Umsetzung wäre nicht nur schwierig und teuer, sondern würde vor allem nur ein weiteres Gesetz schaffen, dass den deutschen Bürger ein Stück weiter in Richtung totale staatliche Kontrolle bringt. Das mag manchen zwar unrealistisch erscheinen, aber viele kleine Schritte führen auch zum Ziel. Ob das die totale Regulierung sämtlicher Lebensbereiche sein soll, ist jedoch mehr als fragwürdig.

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