So., 01.11.2015

Gesellschaft Friedhof als «schöner Ort» - Bestattungen werden persönlicher

Ein Landschaftsgräberfeld auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe - Vorreiter in Sachen Bestattungskultur.

Ein Landschaftsgräberfeld auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe - Vorreiter in Sachen Bestattungskultur. Foto: Uli Deck

Marmorstein vor Blumenbeet? Die Bestattungskultur in Deutschland bietet inzwischen weit mehr als das klassische Grab. Manche wollen es billiger oder individueller - aber nicht alles ist erlaubt.

Von dpa

Karlsruhe (dpa) - Wenn an diesem Sonntag mit Allerheiligen der Trauermonat November beginnt, kommen auch solche Menschen auf die Friedhöfe , die diesen Besuch sonst vielleicht lieber vermeiden.

Aus Sicht von Matthäus Vogel sind Friedhöfe aber keine tristen Orte. «Der Friedhof kann Lebenden viel geben», sagt der Leiter des Friedhofamts in Karlsruhe.

Der dortige Hauptfriedhof gilt als Vorreiter in Sachen Bestattungskultur . In ansprechende Landschaften fügen sich Gräber harmonisch ein, Hochbeete und Trockenmauern erleichtern die Gartenarbeit, ein Grabfeld ist den vier Jahreszeiten gewidmet. Sogar einen Spielplatz für Kinder gibt es - einen der ersten auf Friedhöfen in Deutschland , wie Vogel sagt. «So kann es später vielleicht die Erinnerung geben: Der Friedhof ist ein schöner Ort.»

Die Einsicht greife um sich, dass die Menschen mehr wollten als einen Ort der Ordnung und der Verbote, sagt Vogel. Nach Beobachtung von Experten wandelt sich die Bestattungskultur in Deutschland: Sie wird individueller und persönlicher - doch die Regeln bleiben meist streng.

Viele Wege hat die Menschheit gefunden, um ihre Toten beizusetzen: Sie wurden mumifiziert, ins Meer geworfen, offen auf einen Berg gelegt oder mit Ausrüstung für die Nachwelt ausgestattet. In Deutschland sind nur zwei Arten erlaubt: Beerdigung und Feuerbestattung.

Neben hygienischen Gründen hänge das auch mit der Kultur der Trauer zusammen, sagt Rolf Lichtner vom Bundesverband Deutscher Bestatter. «Die Hinterbliebenen brauchen einen Ort, an dem sie trauern können.» Teddys und Blumen auf anonymen Grabfeldern sowie Trauerseiten im Internet seien Zeichen davon. Viele Friedhöfe öffneten sich heute den Wünschen von Verstorbenen und Hinterbliebenen - etwa mit Porträts auf den Grabsteinen. Doch nicht alles sollte, dürfe oder könne auch gemacht werden, sagt Lichtner.

Exzentrische Beispiele gibt es: So pressen einige Anbieter aus der Asche Diamanten. Bei der Weltraumbestattung wird sie mit einem Satelliten ins All geschossen - ein Service, den schon «Star Trek»-Erfinder Gene Roddenberry nutzte. Gemischt mit Beton bildet Totenasche ein Riff vor der Küste Floridas. Doch das alles ist nicht nur selten, sondern auch nach deutschen Vorschriften verboten, wie die Bestatter sagen - wenngleich einige Umwege fänden.

Ein echter Trend sei aber der zur Feuerbestattung: Rund 860 000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. 42 Prozent werden beerdigt, 58 Prozent kremiert - und dieser Anteil habe vor 20 Jahren noch bei rund 40 Prozent gelegen, sagt Lichtner. Grund seien die neuen Möglichkeiten für die Beisetzung von Urnen etwa in Kirchen, Mauern oder Baumwurzeln, aber auch niedrigere Kosten für Grabpflege, Grabmal und Gebühren.

Denn es gilt der Friedhofszwang. Lediglich in Bremen darf Asche unter Umständen auch in Privatgärten beigesetzt werden. Die berühmte Urne auf dem Kaminsims - in Deutschland verboten. «Das hält die Menschen davon ab, so beizusetzen, wie sie es wünschen», kritisiert Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas in Königswinter bei Bonn. Dass jeder einen konkreten Ort zum Trauern brauche, ließe sich nicht pauschalisieren. Immerhin zeigten sich viele Friedhöfe wie in Karlsruhe mittlerweile offener - auch wegen der privaten Konkurrenz.

Etabliert sind mittlerweile etwa Waldareale, wo Urnen unter Bäumen vergraben werden. Deutschlandweit stehen 60 bis 70 davon rund 16 000 Friedhöfen gegenüber - die mittlerweile auch immer häufiger Beisetzungen zwischen den Wurzeln anbieten, wie der Karlsruher Chef Vogel sagt.

Bei Koblenz und in Essen haben Friedhöfe eröffnet, wo die Asche von Haustier und Mensch in einem gemeinsamen Grab beigesetzt werden kann. Zwar könne es keinen Gottesdienst für das Tier geben, es stünde aber ein «separater Ort des Abschieds» für eine private Zeremonie zur Verfügung, heißt es auf der Webseite.

Einst hatten die Kirchen das Monopol auf den Tod und seine Riten. Sie stellen sich hinter die Tradition: Die katholische Deutsche Bischofskonferenz empfiehlt die Beerdigung, wie ein Sprecher bekräftigt. Die Evangelische Kirche in Deutschland ist auch anderen Bestattungsarten gegenüber offener, etwa den Friedwäldern, wie es dort heißt. Anonyme Bestattungen, private Aufbewahrung, Tiere im Grab - das lehnen die Kirchen aber ab, sie fürchten um die Würde der Menschen und die Trauer der Hinterbliebenen.

Eine Religion hat aber auch neue Wege eröffnet: Nach muslimischer Tradition werden Tote in Tüchern und ohne Sarg beigesetzt - was immer mehr Bundesländer erlaubt haben.

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