"Selbsterkenntnis ist der erste Schritt"


Friedrich Meckmann (inks) und Harald Schmereim haben für Behinderte im Benediktushof mit anderen Kollegen ein Gesundheitsprogramm entwickelt.
Friedrich Meckmann (inks) und Harald Schmereim haben für Behinderte im Benediktushof mit anderen Kollegen ein Gesundheitsprogramm entwickelt.
(Foto: pd)


Maria Veen (pd). "Immer, wenn ich Probleme habe, befinde ich mich vor der offenen Kühlschranktür." Diesen Stoßseufzer haben Friedrich Meckmann und Harald Schmereim schon von vielen jungen Leuten im Berufsbildungswerk des Benediktushofes Maria Veen gehört. Das sei nicht verwunderlich, meinen die Pädagogen, denn das Berufsbildungswerk für körperlich behinderte junge Menschen sei Spiegelbild der Gesellschaft.

Die Zahl übergewichtiger Menschen in der Bevölkerung nimmt zu. Im Berufsbildungswerk absolvieren rund 300 junge Menschen mit Behinderung eine Ausbildung. Meckmann und Schmereim wollen diesem Moppel-Trend entgegenwirken. Schmereim (55) ist Sozialpädagoge und Supervisor, Meckmann (43) Diplom-Sportlehrer. Mit Kollegen anderer Fachrichtungen haben die beiden ein Bildungsmodul namens GiB für stark übergewichtige junge Auszubildende im Benediktushof entwickelt. GiB steht für Gesundheit im Benediktushof. In der Zeitschrift "Berufliche Rehabilitation", dem Fachorgan der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke, haben sie ihr Modell vorgestellt.


"Wir verordnen niemandem eine spezielle Diät, bei der er die Kalorien zählen muss", so Meckmann und Schmereim. Schlechte Gewohnheiten sollen durch gute ersetzt werden. Das kann in vier bis sechs Wochen klappen, wenn der behinderte Auszubildende tatsächlich bereit ist, sein Leben zu verändern.

Der Weg dorthin geht über die eigene Lebensgeschichte. "Oftmals hat es im Leben unserer Auszubildenden massive Kränkungen im Selbstbewusstsein gegeben", weiß Schmereim aus Gesprächen. Schon als Kinder hätten sich viele wegen ihrer Behinderung als Außenseiter gefühlt.

Schmereim hilft den behinderten jungen Erwachsenen, ihre innere Haltung und ihre Motive für übermäßiges Essverhalten zu erkennen und zu verstehen. Erst im Anschluss könne man an der "Fruststellschraube" drehen. Spezielle Techniken lernen die GiB-Teilnehmer in der Gruppe.

So stehen Bewegungs-Angebote des Benediktushof-Sportvereins zur Auswahl, zum Beispiel ein Aquafitnesskursus nur für Übergewichtige.

Weiterhin zeigt eine Diätassistentin des Benediktushofes den essfreudigen Jugendlichen, wie sie sich gesund und ausgewogen ernähren können. Auch gezielte Entspannungsübungen gehören zum GiB-Programm, das ein Team aus Sportwissenschaftlern, Arzt und Ernährungswissenschaftler, Sozialpädagogen und Diätassistentin ausgeklügelt haben.

"Ich habe übrigens nichts gegen dicke Menschen", sagt Schmereim, der in seiner Freizeit als Ausdauersportler mit Rennrad oder Laufschuhen unterwegs ist und gern auch mal eine Tafel Trauben-Nuss verdrückt. Auch Sportpädagoge und Marathonläufer Meckmann will keine Hetzjagd auf Moppelige starten.

Doch aus ihrer langjährigen Berufserfahrung wissen sie, wie stark viele körperbehinderte Jugendliche unter ihrer Leibesfülle leiden, besonders die jungen Frauen. Und sie sind sich sicher: "Unser Modell lässt sich auf alle übergewichtigen Menschen übertragen, ob behindert oder nicht."



02 · 07 · 08





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