"wellcome"-Engel schenkt Zeit

Billerbeck. Dass der junge Mann Hummeln im Hintern hat, ist ganz offensichtlich. Kopfüber stürzt er sich vom Sofa, wohl wissend, dass Mama ihn an den Fußfesseln absichert. Curtis entdeckt für sich gerade das Laufen. Nichts ist vor ihm sicher, was nicht niet- und nagelfest ist. Eine spannende Phase, allerdings nicht nur für ihn. Yvonne Wübbeling lässt den kleinen Blondschopf sachte auf den Boden gleiten. Amüsiert - fast so, als gäbe es da gerade einen kleinen Widerspruch - erklärt sie den Namen ihres 13-monatigen Sprosses: "Curtis bedeutet: Der den Frieden bringt". Und schwupps, schon hat ihr Sohn die Schale mit Walnüssen vom Tisch gekapert, die nun in alle Richtungen durch die Wohnung rollen.

Die junge Mutter ist 29 Jahre alt und alleinerziehend. Eine Atlas-Blockade machte Curtis einige Zeit zu schaffen. Er fand wenig Ruhe und Schlaf, seine Mutter dementsprechend auch. Da war sie riesig froh, dass Curtis Kinderarzt sie mit dem "wellcome-Projekt" bekannt machte.


Seit Juni bekommt sie einmal die Woche Hilfe von einem guten Engel, der ihr den kleinen Wirbelwind für zwei, drei Stunden abnimmt. Auch wenn ihre Eltern, mit denen sie unter einem Dach lebt, sich ebenfalls um Curtis kümmern, ist sie dankbar für diese zusätzliche Unterstützung. Ob sie auf dem Zahnfleisch ging? Die Frage beantwortet sie mit "Nein" und Ines Horn ergänzt: "Soweit soll es ja auch gar nicht erst kommen!". Die Coesfelderin ist Projektbetreuerin von "wellcome", dass an der Familienbildungsstätte Coesfeld angeschlossen ist, aber auch in Billerbecker Familien in den Einsatz geht. Damit das möglich ist, machte die Bürgerstiftung Billerbeck 3000 Euro locker. "Wir wollen das Projekt gerne anschieben", so Günter Idelmann, 1. Vorsitzender der Bürgerstiftung. "Wir haben es für gut befunden, weil es schon so früh greift. In vielen Städten hat es sich schon bewährt und ist mit Preisen ausgezeichnet worden."

Gedacht ist die ehrenamtliche Hilfe für das erste Lebensjahr des Kindes. Und: Alle Einkommensverhältnisse. In Anspruch genommen werden kann sie von Familien und Alleinerziehenden. Kostenlos ist die Betreuung nicht, dafür aber kostengünstig. Für die einmalige Vermittlung ist eine Gebühr von zehn Euro fällig, für die wellcome-Mitarbeiterin vor Ort werden fünf Euro pro Stunde berechnet. In Ausnahmefällen kann dieser Satz niedriger liegen.

"Ich gebe meine Zeit und bekomme ganz viel für mich zurück", sagt wellcome-Engel Gabriele Frenzel, die mit Curtis einmal die Woche spazieren geht. "Dann nehme ich auch kein Handy mit oder gehe mit ihm einkaufen, sondern mache kindgerechtes Programm mit ihm: Spielplatzbesuch und unterwegs Tiere anschauen." Die Mütter können sich dann die Zeit nehmen für die Dinge, die sie sonst nicht erledigen können, aber gut sind für sie und vor allem für den eigenen Akku. Dass ihr Einsatz nicht entlohnt wird, stört Gabriele Frenzel nicht. Eher im Gegenteil: "Ich wollte bewusst etwas unentgeltliches, ehrenamtliches machen". Nach Aussagen von Ines Horn sind die anderen wellcome-Frauen genauso zufrieden mit dieser dankbaren Aufgabe. "Ich bleibe auf jeden Fall am Ball", versichert Gabriele Frenzel. "Und kann wellcome wärmstens weiter empfehlen."



29 · 12 · 11





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