Kreis.Coesfeld. Je nach Coleur mit viel Verständnis, Wohlwollen, aber auch mit harscher Kritik haben Politiker aus dem Kreis Coesfeld auf das TV-Interview reagiert, das Bundespräsident Christian Wulff am Mittwoch ARD und ZDF gegeben hat. "Christian Wulff wird in meinen Augen das Vertrauen und die Zustimmung der Bevölkerung wieder voll zurückgewinnen", äußerte sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl Schiewerling (Nottuln) auf Nachfrage unserer Zeitung optimistisch. In seinem Fernsehinterview habe Wulff für Klarheit und Offenheit gesorgt - "und was für mich ganz wesentlich ist: Er hat seine eigenen Fehler benannt und deutlichst eingeräumt und dafür um Entschuldigung gebeten." Er habe in dem Interview "sehr nachvollziehbar dargestellt, dass auch ein Bundespräsident ein Mensch ist. Ein Mensch, der unter einem immensen Druck gestanden hat, was eben auch zu Fehlern in seinem Handeln geführt hat."
Das sieht der SPD-Landtagsabgeordnete und Unterbezirksvorsitzende André Stinka (Dülmen) anders: "Ich fand das Interview beschämend." Es habe gezeigt, dass Wulff gar nicht verstanden habe, warum die Leute auf ihn so sauer sind: nicht wegen seiner Verfehlungen, sondern wegen der Art und Weise des Umgangs damit. Er habe immer wieder von "man" gesprochen, nie von "ich". Er habe "das Amt schon sehr ramponiert und kann nirgendwo mehr integer auftreten", gibt er Wulff keine Chance mehr. Und vermutet: "Wenn jetzt noch eine Kleinigkeit passiert, dann werden wir noch dieses Jahr einen neuen Präsidenten wählen müssen." Wulff sei aktuell "nur noch qua Merkel im Amt".
"Ich glaube, dass er es bleibt und dass er es bleiben sollte", vertritt der FDP-Kreisvorsitzende Henning Höne, der nach eigenen Angaben kein Fan von Wulff ist ("Ich fand und finde ihn extrem langweilig"), eine gegensätzliche Position. Ein Stück weit "aus Panik" habe Wulff Fehler gemacht in Sachen Offenheit und Transparenz. Dass er Amtsmissbrauch betrieben habe, sehe er aber nicht. "Die ganze Geschichte ist gehypt ohne Ende", macht er auch die Medien für den vermeintlichen Skandal verantwortlich.
Für Gelassenheit im Umgang mit Wulff plädiert Grünen-Kreischef Richard Dammann (Nottuln): "Es gibt Wichtigeres als die Frage, ob er Präsident bleibt oder nicht." Die Vorwürfe hält er auch für relativ "dünn": "Man darf sich als Politiker von einem Freund Geld leihen. Das ist nicht das Problem." Wulff habe sich aber durch seinen Umgang damit, zum Beispiel die Drohung gegenüber Bild, disqualifiziert: ."Wenn er anständig wäre, würde er gehen."
"Das war sicherlich eine Dummheit", meint auch CDU-Kreisvorsitzender Marc Henrichmann (Havixbeck) zur Droh-Tirade auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs. Deshalb sei es gut - und dringend notwendig gewesen, dass Wulff sich jetzt dazu umfassend geäußert hat. Er würde sich wünschen, "dass jetzt Ruhe einkehrt", denn der ganze Vorgang schade nicht nur dem Amt des Bundespräsidenten, sondern der Politik insgesamt. "Uns würde das allen nicht gut tun, wenn das noch über Wochen weitergekocht wird." Sein Ziel sei, die Menschen an der Basis wieder für Politik zu interessieren und zu begeistern - "so etwas macht das nicht leichter".