Jüdischer Geschichte auf der Spur


Ein bewegender Moment für Sally Koch, die erstmals mit ihrer Familie auf dem jüdischen Friedhof in Darfeld am Grabmal ihrer Vorfahren, Simon und Bertha Humberg stand. Foto: Peter Brüggemann
Ein bewegender Moment für Sally Koch, die erstmals mit ihrer Familie auf dem jüdischen Friedhof in Darfeld am Grabmal ihrer Vorfahren, Simon und Bertha Humberg stand. Foto: Peter Brüggemann


-pb- Darfeld. "Darf ich bitte einen von diesen kleinen, weißen Steinen vom Grabstein meiner Familie Humberg für meine Mutter nach England mitnehmen", fragt Sally Koch sichtlich bewegt mit Tränen in den Augen. Eigentlich ist der Ort, an dem sie steht, ein friedlicher Anblick: Denn der jüdische Friedhof in der Darfelder Bauerschaft Oberdarfeld liegt an diesem Nachmittag von Sonnenstrahlen überflutet in einem sattem Grün. Weiße Steine leuchten von den Grabmälern und sind Zeugnis freundlicher Besuche. Doch bei der jungen Frau aus England nahe der Stadt Rugby löst dieser Anblick zwiespältige Gefühle - Freude und Trauer - aus.

Sally Koch ist eine der wenigen Nachfahren der Familie Humberg aus Darfeld. Ihre Großmutter war Johanna Humberg, die 1908 als Tochter des jüdischen Viehhändlers Adolf Humberg und dessen Ehefrau Julia Rosenthal in Darfeld zur Welt kam. Die Familie lebte zunächst am Kirchplatz (heute Nikolauskirchplatz) und später in der Bauerschaft Hennewich. Johanna Humberg heiratete um 1932 Leo Meyer. 1936 zog das junge Paar zunächst nach Salzkotten. Während Leo Meyer in die Mühlen des Naziregimes geriet und ins KZ Buchenwald verschleppt wurde, gelang Johanna Humberg gemeinsam mit der dreijährigen Tochter Helga drei Jahre später die Flucht nach England. Wie ein Wunder mutet es an, dass Leo Meyer aus dem KZ Buchenwald flüchten und der Familie nach England folgen konnte. 1943 wurde dann die Tochter Nanette, Sallys Mutter, in Wales geboren.


Eine Internet-Recherche führte zu Beginn des Jahres zum ersten Kontakt von Sally Koch mit der Gemeinde Rosendahl. Sie stieß auf einen Presseartikel der AZ über die Gedenkfeiern im November 2009 anlässlich 70 Jahre Reichspogromnacht in Darfeld und Osterwick. In diesem Bericht tauchten viele Namen auf, die Sally noch aus den Erzählungen ihrer Großmutter kannte. Eine Nachfrage bei Dorothea Roters, Historikerin und Kulturbeauftragte der Gemeinde Rosendahl, löste daraufhin eine intensive Recherche zu den Lebensdaten der jüdischen Familie Humberg aus. "Das ist eine sehr traurig stimmende Arbeit, denn sie dokumentiert in nackten Zahlen die Verfolgung und Ermordung der Familienmitglieder. Es entsteht ein Stammbaum, dessen einzelne Zweige plötzlich abgebrochen sind", beschreibt Dorothea Roters ihre Aufgabe. Sie hat sich bereits seit Jahren intensiv mit der Geschichte der Juden in Rosendahl beschäftigt.

Heimatvereinsvorsitzender Rolf van Deenen versicherte ihr: "Es ist eine dauerhafte Aufgabe auch des Heimatvereins, an unsere Darfelder jüdischen Familien zu erinnern und mitzuhelfen, das Schicksal eines jeden Einzelnen aufzuklären." Daher sind Heimatverein und Gemeinde dankbar für jeden Hinweis aus der Bevölkerung, der die Geschichte der jüdischen Familien in Rosendahl weiter erhellt. Sally Koch tritt nachdenklich, aber auch zufrieden die Heimreise an. "Es war sehr beeindruckend, die Heimat meiner Großmutter und die für unsere Familie bedeutsamen Orte kennenzulernen. Schade nur, dass wir so wenig über das Alltagsleben wissen."

| Fortsetzung folgt



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