Das Vibraphon streicheln

Stephan Froleyk entlockte dem Vibraphon mit dem Cellobogen ganz ungewohnte KlängeFoto: heh
Stephan Froleyk entlockte dem Vibraphon mit dem Cellobogen ganz ungewohnte KlängeFoto: heh


Münster - Das Vibraphon kann, wenn es mit dem Cellobogen gestrichen wird, lange, glasklare Töne hervorbringen. Gekoppelt mit äußerst virtuos angewendeter Live-Elektronik kommen beeindruckend schöne Sounds heraus, entstehen Strukturen und Spannungsverläufe. Elektronik-Komponist Karlheinz Essl, ein Pionier dieser Szene, zauberte mit Schlagzeuger Stephan Froleyks eine äußerst spannende erste Konzerthälfte. In „Sequitur XI“ (2009) für Vibraphon, Becken und Live-Elektronik, das im Rahmen des diesjährigen Klangzeitfestivals im Kleinen Haus uraufgeführt wurde, dominierten lange die fließenden Sounds, unterbrochen von schnellem Spiel mit harten Schlegeln. Jede Wendung war wohlüberlegt. Weil Essl, der hier das Laptop bediente, und Fro­leyks so organisch zusammenspielten, entstand ein dichtes Musikgeflecht, ein kleines und feines Hörereignis für verwöhnte Ohren.

Ein bisschen Musiktheater steckt in Essls „Pandora´s Secret“ (2008/2009). Der Protagonist, hier der Komponist selbst, findet ein Paketchen, öffnet es etwas umständlich und hält schon bald eine kleine Spieluhr mit Kurbel in der Hand, die mit einem Lochstreifen zum Klingen gebracht wird. Die Elektronik veredelt die schüchternen Musikboxklänge zu großen Sounds. E-Gitarre und Laptop bedient Essl gleichzeitig in „Sequitur VIII“ (2008). Gitarrenklänge vermischen sich, elektronisch verfremdet und mit ganz neuer akustischer Gestalt versehen. Eine Metallschale auf der Pauke, mit weichen Schlegeln angespielt, gibt es in Essls „El-Emen“ (2004). Der Surround-Klang ist hier gestaltendes Element, und Schlagzeuger Froleyks weiß Rasseln und Pauke mit zartem Elektronikgeflirre auf den Punkt zu bringen.


Die zweite Konzerthälfte kam größer besetzt daher, denn Mauricio Kagels „Kantrimiusik“ kommt mit sieben Instrumentalisten, Klangregie und Dirigat auf die Bühne. Das junge münstersche Ensemble Hörsinn hatte sich diese bunte Nummer ausgesucht.

Ein paar akustische Äußerungen tierischen Lebens, etwas Traktorenlärm und archaisch-folkloristisch anmutender zugespielter Gesang, der in fast jeder ländlichen Gegend dieser Erde zu Hause sein könnte, sorgen akustisch für ländliches Ambiente. Oft fast tonal, manchmal minimalistisch, aber immer augenzwinkernd bis breit grinsend hat Kagel hier die Wonnen des Landlebens festgehalten.

VON HEIKE EICKHOFF, MÜNSTER

14 · 02 · 10



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