„Ich will in Deutschland sterben“


Den Berishas droht die Abschiebung in den Kosovo (v.l.): Shipe, Idriz, Sanije, Gizela und Armel mit einem Freund. Foto: bn
Den Berishas droht die Abschiebung in den Kosovo (v.l.): Shipe, Idriz, Sanije, Gizela und Armel mit einem Freund. Foto: bn


Münster - Es sind die Kinder, die reden. Unablässig. So wie Shipe (14), die drei Jahre alt war, als ihre Familie aus dem Kosovo floh: „Wieso will man mich abschieben? Wir haben da kein Haus, keine Schule, keine Arbeit.“ Oder ihre Cousine Gizela (12), die auf die Albert-Schweitzer-Förderschule geht und später einmal Friseurin werden will. „Wir sind doch keine Tiere“, sagt sie, „seit Tagen schlafe ich nicht mehr.“

Abschiebung. Das Gespenst geht um in der Barackensiedlung zwischen Kanal und Umgehungsstraße. Die Straße dorthin hat keinen Namen, die weißen Container wirken armselig, einige sind mit Graffiti beschmiert. Hier ist Münsters Hinterhof.


Eine alte Frau kommt gelaufen: „Ich habe keine Familie mehr im Kosovo“, sagt sie, „nur hier.“ 18 Jahre wohne sie in Münster, „ich will in Deutschland sterben.“

Der Metzger Gzimi Latifi ist gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er sitzt in seinem picobello sauberen Wohnzimmer, zeigt auf die große Narbe auf der Brust, die von einer Herzoperation stammt. Eine ganze Batterie Pillen braucht er täglich: „Wie soll ich die im Kosovo bekommen?“

Sie alle haben die Aufforderung vom Ausländeramt bekommen, sich für die freiwillige Ausreise bereit zu halten. Der Flug wäre umsonst, eine Eingliederungshilfe wird geboten.

Aber Ortskundige sagen, dass es im Kosovo keine Arbeit gibt, keine Häuser - für Roma schon gar nicht. Wahrscheinlich, sagt Dr. Ulrike Löw von der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender (GGUA), würden sie in ein Übergangsheim kommen: Balkan-Standard.

Manche hat die Angst zermürbt. Wie Shipes Vater Idriz Berisha (39). Seine Stimme ist weg, er krächzt: „Stress, Stress.“

Seit drei Jahren leidet er unter psychischen Problemen, sein Anwalt spricht von Suizidgefahr. Seine resolute Frau Sanije (38) erzieht die fünf Kinder. Sie alle gehen zur Schule, zeigen stolz ihre Zeugnisse, auf denen bei Leistungsbereitschaft „Gut“ steht. Und einmal auch „Sehr gut“. Der 12-jährige Armel hat auf der Geistschule eine Eins in Englisch geschrieben. Er ist Mitglied bei 08, will Fußballer werden. Und erst mal seinen Abschluss machen.

Auch Valentina Beluli, die Schwiegertochter, hat die Aufforderung in der Hand, auszureisen. Ihr zweijähriger Sohn Idriz lernt sprechen. Auf dem Arm schuckelt sie ihren Säugling Celina. Im Kosovo sei ihr Bruder umgebracht worden, sagt die 12-jährige Gizela: „Wir haben Angst.“

VON GÜNTER BENNING, MÜNSTER


17 · 09 · 09





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