Regisseurin Susanna Wüstneck zeigt Film „Bis ans Ende“ / Krebspatienten bei Behandlung begleitet
Glücklich leben und sterben

Billerbeck. 2005 hat Susanna Wüstneck die Diagnose bekommen: Krebs. Eineinhalb Jahre hat die Behandlung gedauert. In der Dokumentation „Bis ans Ende“ erzählt die Filmemacherin nicht nur von sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen mit der Krankheit und dem Überleben, sie begleitet auch die Patienten, Krankenschwestern und das Ärzteteam der onkologischen Abteilung des Helios Klinikums Berlin-Buch. Präsentiert wird der Film mit anschließender Gesprächsrunde am Freitag (21. 9.) um 20 Uhr im Forum (An der Kolvenburg). Unser Redaktionsmitglied Stephanie Dircks sprach mit der 48-jährigen Berlinerin über das Leben und Sterben, eine schwere Krankheit und andere Filmprojekte.

Freitag, 07.09.2012, 16:22 Uhr

Frau Wüstneck, wie kommen Sie eigentlich auf Billerbeck?

Susanna Wüstneck: Mein Freund lebt hier.

Und wie gefällt es Ihnen hier?

Wüstneck: Billerbeck gefällt mir wirklich gut. Es gibt hier wunderschöne Ecken. Aber Berlin ist meine Heimat. Ich bin im Prenzlauer Berg aufgewachsen, wohne aber zurzeit in Pankow.

Dann pendeln Sie also immer zwischen Berlin und Billerbeck – sozusagen vom großen B zum kleinen B?

Wüstneck: Um uns zu sehen, bleibt uns nichts anderes übrig. Wir bieten aber Mitfahrgelegenheiten für die Strecke an. Das ist nicht nur finanziell eine gute Sache, sondern man begegnet auch interessanten Menschen und ist nicht fünf Stunden ganz alleine. Es sind tolle Begegnungen dabei. Viele Geschichten, Schicksale, Lebensberichte, Freude und Leid haben wir auf dem Weg kennengelernt.

Spannend genug für einen Film?

Wüstneck: Auf jeden Fall. Das ist mein nächstes Filmprojekt. Die Menschen sind so unterschiedlich. Sie kommen von den verschiedensten Orten der Welt. Ich hatte schon Leute aus Ghana, aus Australien bei mir im Auto. Die Fahrgäste sind eine bunte Mischung. Ein Polizist ist mitgefahren. Ein Sportlehrer, der mir von Sportarten erzählt hat, von denen ich noch nie gehört habe, war auch schon dabei. Manchmal kommt man sich so nahe, intime Gespräche entstehen. Man sitzt eben fünf Stunden auf engstem Raum zusammen. Und die Fahrten und Gespräche werden gefilmt. Es ist ein Langzeit-Projekt, im Grunde auch eine Studie. Durch diese Art der Begegnung wird man toleranter. Ich bin auch offener geworden.

Sind sie von anderen Menschen fasziniert?

Wüstneck: Vor allem von älteren Menschen, die durch ihre Lebenserfahrung viel erzählen können. Jede ihrer Falten erzählt eine Geschichte. Ich finde es aber grundsätzlich interessant, welche Geschichten sich hinter Menschen verbergen. Offener bin ich auch durch meine Krebserkrankung geworden.

Sie haben Ihre Erkrankung und die Behandlung mit der Kamera festgehalten.

Wüstneck: Der Tumor war so groß, dass ich dachte, dass ich sterben muss. Die Psyche macht mit einem eine ganze Menge. Ich wollte mit einer Videokamera schauen, was mit mir passiert. Dadurch habe ich gemerkt, dass es nicht nur ein Leben vor oder nach der Krankheit gibt, sondern auch währenddessen. Und ich habe auch gelernt, dass man an der Hoffnung festhalten muss.

Hoffnung und Empathie sind auch die Themen des Films „Bis ans Ende“.

Wüstneck: Die Dokumentation erzählt von Angst, Hoffnung und Sorge um den Patienten, von der Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen und von der Akzeptanz des Schicksals. Die Ärzte müssen verstehen, in welcher Situation der Patient ist. Der Patient und die Angehörigen müssen verstehen, dass der Arzt kein „Gott in Weiß“ ist. All die Menschen, die in dem Film gezeigt werden, sitzen in „einem Boot“. So sind Ärzte, Pflegepersonal und Patienten Menschen, die gemeinsam kämpfen – um das Leben. Ich hatte vor meiner ersten Chemotherapie große Angst. Schwester Ines, die Hauptprotagonistin des Filmes, hatte mir während meines eigenen Kampfes gegen den Krebs, sehr viel von der Angst nehmen können. Durch ihre faszinierende Art mit Menschen umzugehen, kann sie es den Menschen wesentlich leichter machen, die Situation, in der sie sich befinden, gut zu meistern und auf diese Weise diese Tage wertvoll erscheinen zu lassen.

Sie haben also dort gedreht, wo Sie selbst behandelt wurden?

Wüstneck: Ja, alles ist absolut authentisch. Es war mir eine Herzensangelegenheit dort zu drehen.

Was ist die Aussage des Films?

Wüstneck: Es geht vor allem um die allgemeine Akzeptanz sterben zu müssen und auf diese Weise das große Glück, am Leben zu sein, klar zu erkennen. Das Sterben, das oft als dramatisch empfunden wird, wird oft als Ausnahmesituation gesehen. Aber es ist auch etwas ganz Normales. Wenn man sich damit auseinandersetzt, kann man auch besser damit umgehen. Es geht nicht darum, in ständiger Angst zu leben. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, bewusster zu leben. Das Schöne im Leben klarer zu erkennen.

Es ist ein schweres Thema. Aber der Trailer zu dem Film zeigt, dass auch viel gelacht wird – bei Patienten und Pflegepersonal.

Wüstneck: Lachen ist lebenswichtig. Nach so einer Krankheit wird man zwar ernster, aber es tut gut, zu lachen. Ich musste mir meinen Krebs weglachen. Ich würde mir wünschen, dass der Film dazu beiträgt, friedlicher miteinander auszukommen und die Endlichkeit etwas besser annehmen zu können, um ein glücklicheres Dasein zu führen.

Zwei Mal wurde der Film in Berlin präsentiert. Wie kam er bei den Menschen an?

Wüstneck: Es wird geweint, gelacht und viel nachgedacht. Viele denken über ihr Leben nach. Das ist toll. Wenn die Leute darüber nachdenken, was ich mache, ist das auch ein riesiges Lob für mich. 7 „Bis ans Ende“ dauert 63 Minuten. Der Eintritt beläuft sich auf 4,50 Euro.

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