Billerbeck
Einen echten Hit gelandet

Billerbeck. Leise rauscht das Wasser des Rheinfalls, sanft erklingen die ersten Töne der Ouvertüre des Rheingolds. Doch bevor das Publikum sich dieser Romantik ergeben kann, donnern die Beats, schmettert Lohengrin, der ja eigentlich seine eigene Oper hat, sich aber unter das Personal des „Rings“ mischt, von oberhalb des Falls „Highway to Hell“. Schon der Beginn verspricht einen göttlichen Spaß. Mit dem wilden Gerangel, das sich im Laufe von gut zwei Stunden Götter und Helden im Kampf um die Macht des Ringes liefern, landet Regisseur Johannes Lang mit einem grandios aufspielenden Ensemble einen echten Hit. Da sitzt jeder Gag, da mischen sich Parodie und Trash gekonnt mit Dramatik und leisen Tönen, da wird Wagners voluminöser vier Opern umfassender Ringzyklus mit schrägem Humor komprimiert, ohne die Quintessenz dieser Geschichte von Gier, Liebe, Verrat und Mord aus den Augen zu verlieren.

Sonntag, 30.06.2019, 17:42 Uhr
Billerbeck: Einen echten Hit gelandet
Gegenüber seinen Töchtern, den Walküren (links, Louisa Melzow) , demonstriert Göttervater Wotan (rechts, Sigi Schulz) seine Macht. Das Ensemble feierte mit der Vorstellung die Premiere des Stücks „Der Ring des Nibelungen“. Fotos: Ursula Hoffmann Foto: az

Ausgelöst wird alles mit einem Diebstahl. Weil der lüsterne Zwerg Alberich (als dummer, gieriger, geifernder und kriechender Alp großartig verkörpert von Stefan Waltering) bei den Rheintöchtern nicht landen kann, raubt er ihnen das Gold und schmiedet daraus einen Ring, der seinem Besitzer die Weltherrschaft verspricht. Jeder will diesen Ring haben und das Chaos nimmt seinen Gang. Eine solche Persiflage ist nicht leicht zu spielen, doch die Darsteller der Freilichtbühne meistern alle Klippen mit großer Bravour. Allen voran Sigi Schulz, der als Göttervater Wotan ein echtes Ereignis ist. Er spielt genial alle Facetten dieser Rolle aus, lässt Wotan unter den Blicken seiner herrischen Gattin Fricka (klasse Claudi Kottke, die nicht nur vom Kostüm her die Hosen anhat) zum winselnden Hampelmann werden, demonstriert seiner Tochter Brünhilde gegenüber brutale Autorität und windet sich qualvoll im Wissen um sein Scheitern. Louisa Melzow begeistert in der Rolle der Brünhilde, spielt die liebliche Tochter genauso überzeugend wie die schwärmerische Geliebte und die zornbebende Rächerin. Als ihr Befreier aus der Macht des Vaters erscheint der junge Held Siegfried. Robin Rölver trifft den Ton dieses Halbstarken, der nicht den meisten Verstand hat und den die burschikose Rheintochter Wellgunde (köstlich Anne Schumacher) als „Evolutionsbremse“ bezeichnet, perfekt. Auch Hildegard Rasche liefert als schleimender und hinterhältiger Mime, der Siegfried großzieht, eine beachtliche Leistung. Tolle Kostüme unterstreichen die Charaktere der Figuren und zahlreiche bekannte Hits (einstudiert von Johanna Haecker) wie „Verdammt ich lieb dich“ oder „This Girl on Fire“, würzen perfekt die Szenen, garniert mit passenden Bewegungen (Choreografie Gisa Wilfarth).

Und wenn nach Siegfrieds Tod Wagners großartiger Trauermarsch erklingt und dazu die Totengräber slapstickartig die Leiche beseitigen, ist das nur ein Beispiel von vielen, wie hier exzellent verschiedene Ebenen vermischt werden. Die stehenden Ovationen des Publikums nach der Vorstellung sind für diese Leistung mehr als verdient.

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