Billerbeck
Sensationelles Schätzchen geborgen

Billerbeck. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Jede Menge alte Beschläge liegen in einem Schrank. Ein paar Flaschen stehen in den Regalen. Sie sind leer. Hufeisen hängen akkurat an der Wand. An ihnen hat der Zahn der Zeit genagt und deutliche Spuren hinterlassen. Sie sind schon rostig. Die Esse, die Feuerstelle einer Schmiede, ist völlig zugestellt – mit allerhand Kram. Ein Sammelsurium an Rädern, Eimern, Kannen, Kaffeedosen, einer Nähmaschinenhaube und Werkzeugkästen befinden sich dort. Wie ein Lager. Nicht alles sieht man auf den ersten Blick. Es benötigt einen zweiten, gar dritten, um alles wahrzunehmen. „Auch wir entdecken immer wieder etwas Neues“, sagt Dr. Anke Kuhrmann. Sogar das komplette Werkzeug, das in der alten Schmiede eingesetzt wurde, ist noch vorhanden. Peter Barthold öffnet eine Mülltonne. Bis zum Rand ist sie mit Kohle gefüllt. „Das Brennmaterial ist auch noch da“, sagt er schmunzelnd. Als hätte jemand in der alten Schmiede einfach nur das Licht ausgemacht.

Sonntag, 25.08.2019, 18:48 Uhr
Billerbeck: Sensationelles Schätzchen geborgen
Präsentieren die alte Schmiede: (v. l.) Peter Barthold, Dr. Michael Huyer (beide vom LWL), Bürgermeisterin Marion Dirks und Dr. Anke Kuhrmann (LWL). Foto: Stephanie Sieme

Die Stadt Billerbeck hat die Immobilie an der Münsterstraße gekauft. Für die weitere Stadtentwicklung. Eine Fläche des Grundstücks ist für die Ansiedlung des Drogeriemarktes und die barrierefreie Umgestaltung des Rathaus- und Edeka-Parkplatzes einbezogen worden. Die Stadt hat das Gebäude durch das Amt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) überprüfen lassen. „Es hat sich hausgestellt, dass wir hier ein besonderes Schätzchen haben“, sagt Bürgermeisterin Marion Dirks. Es sei sehr ungewöhnlich und herausragend, so Dr. Michael Huyer (LWL). Denn: Während das zur Münsterstraße gelegene Wohnhaus laut Bauakte aus dem Jahr 1904 stammt, ergaben eingehende Untersuchungen vor Ort sowie dendrochronologische Analysen (Datierungsmethode anhand von Jahresringen in Hölzern) des Ständerwerks, dass der rückwärtige, zuletzt als Schmiede genutzte Gebäudeteil im Wesentlichen zwei Bauabschnitten aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zuzuordnen ist. Es handelt sich somit um eines der ältesten noch existierenden profanen Bauwerke Billerbecks und ist nach dem Gutachten der LWL-Denkmalpflege als Denkmal zu qualifizieren. Fast ein Jahr haben die Experten vom LWL in Archiven, Literatur und am Objekt selbst geforscht, es ganz genau unter die Lupe genommen.

„Das Gebäude sieht von der Straße aus nicht so spektakulär aus, aber es hat seine inneren Qualitäten“, betont Dr. Huyer. Bei einem Gang durch die Immobilie begebe man sich auf eine 500-jährige Zeitreise. Das Wohnhaus aus dem Jahr 1904 sei noch vollständig erhalten. Und der hintere Gebäudeteil sei mehrere 100 Jahre alt. Darin befindet sich die Schmiede, die Anfang des 20. Jahrhunderts dort nachträglich hineingebaut wurde und bis etwa in den 70er-Jahren in Betrieb war. Sie ist vollständig erhalten. Und eben diese Vollständigkeit und das Baualter aus dem 16. Jahrhundert würden laut LWL diese Besonderheit ausmachen. „Es ist ein sensationeller Befund, den wir so noch nicht gesehen haben“, so Dr. Huyer. Es sei etwas Besonderes für den Landesbereich Westfalen, „und ich wage zu sagen, auch darüber hinaus“, so der Referatsleiter für Inventarisation und Bauforschung. Es sei quasi eine gebaute Quelle. Überall erlebe man Geschichte aus den verschiedenen Jahrhunderten. „In der historischen Hofpflasterung sind alte Abdrücke eines Löschbrunnens für Hufeisen zu sehen“, erzählt Dr. Kuhrmann. Auch die Eisenringe, an denen Pferde angebunden wurden, sind an den Außenwänden zu sehen.

„Für uns ist das eine besondere Herausforderung“, so die Bürgermeisterin, die auch berichtet, dass die Stadt das Nachbarhaus käuflich erwerben könne. Mit Fachleuten werde überlegt, wie Gebäude und Fläche so gestaltet werden, dass sie ein Gewinn für die ganze Stadt seien. „Wir haben die Chance, es weiterzuentwickeln. Mit einer vernünftigen Nutzung, ohne es zu zerstören“, so Marion Dirks. Genaue Pläne gebe es aber noch nicht. Denkbar sei beispielsweise eine wohn- und gewerbliche Nutzung. Die Stadtverwaltung habe eine Konzeptstudie in Auftrag gegeben. Ein Planer beschäftige sich mit dem Objekt. Ergebnisse könnten laut Stadtplanerin Michaela Besecke im nächsten halben Jahr vorliegen. Im November steht der Eintrag in die Denkmalliste auf der Tagesordnung des Rates.

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