Publikum erfährt beim Couchgespräch im Pfarrzentrum Anna Katharina viel über die neuen Nachbarn
„Ich hasse das Wort Flüchtling“

Coesfeld. „Wir werden das in Coesfeld schaffen“, ist nicht nur Johannes Heling vom Katholischen Bildungswerk nach einem sehr informativen Abend, der nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert, überzeugt. Auch die meisten der gut 100 Besucher, die sich zum fünften Coesfelder Couchgespräch im Saal des Anna-Katharina- Pfarrheims eingefunden haben, um sich über die Lebensperspektiven ihrer neuen Nachbarn zu informieren, glauben fest daran, arbeiten doch viele von ihnen aktiv daran mit, dass die Integration gelingt.

Freitag, 29.04.2016, 11:22 Uhr

Publikum erfährt beim Couchgespräch im Pfarrzentrum Anna Katharina viel über die neuen Nachbarn : „Ich hasse das Wort Flüchtling“
Auf breites Interesse stößt das Coesfelder Couchgespräch, bei dem unter Leitung von AZ-Redaktionsleiter Uwe Goerlich (r.) verschiedene Gespächspartner – (v.l.) Andreas Kolm, Heinz Rengshausen und Dr. Michael Oelck) – über Lebensperspektiven von Flüchtlingen in Coesfeld berichten. Foto: Ursula Hoffmann

AZ-Redaktionsleiter Uwe Goerlich, Moderator des Abends, begrüßt gleich fünf Gäste auf der Couch – nacheinander, schmunzelt er, „aus Platzgründen“. Einer der Gesprächspartner ist der Syrer Abdul Rachman, der aus Rücksicht auf seine Familie nicht mit Foto in der Zeitung erscheinen möchte. Im Gespräch formuliert er deutlich, was er sich wünscht für sein Leben in unserer Stadt. Seine Flucht handelt er eher in Stichworten ab, betont, dass es an einigen Grenzen Schwierigkeiten gab, wichtiger aber ist ihm, der hervorragend Deutsch spricht, die Zukunft.

„Ich hasse das Wort Flüchtlinge“, sagt er. Er wolle von Anderen als Mensch wahrgenommen werden und seine Frau und seinen kleinen Sohn nicht als Flüchtlinge in diesem Land sehen. Er wolle sie daher erst nachholen, wenn er als Zahnarzt (sein Beruf in Syrien) oder Zahntechniker eigenes Geld verdiene.

In der Begegnung erfahren, dass es sich um Menschen handelt, nicht um Flüchtlinge, wünscht sich auch Bernd Lippe von der Flüchtlingsinitiative (FI). Im Gespräch mit ihm fragt Goerlich nach öffentlichen Begegnungsmöglichkeiten. Vom Grundsatz her seien die zu begrüßen, so Lippe. Auch wenn sicher erst Berührungsängste abgebaut werden müssten. Er schildert die zahllosen Tätigkeiten der FI, von Erstbegleitung über Patenschaften für Familien und Spielgruppen bis hin zur Fahrradwerkstatt, die Mobilität ermöglicht. Und fast immer erfahren die Mitarbeiter (zusätzliche Helfer sind jederzeit willkommen) Respekt, Achtung und Dankbarkeit.

Während Lippe sich von der Ausländerbehörde mehr Flexibilität wünscht, betont er die gute Zusammenarbeit mit der Stadt und der Agentur für Arbeit. Ein sehr gefragter Gesprächsteilnehmer auch in den Fragerunden fürs Publikum ist Andreas Kolm vom Fachbereich Soziales, erster Ansprechpartner für neu ankommende Flüchtlinge. Vielfältig sind seine Aufgaben. Zurzeit sei es relativ ruhig, erklärt Kolm, so dass auch die Unterbringung kein Problem ist. Zumal auch noch in absehbarer Zeit weitere Plätze zur Verfügung stünden. Als wichtig sieht er es an, dass dezentral kleinere Einheiten geschaffen werden – „keine Ghettos, das bringt mehr Ruhe in die Gesellschaft“.

Zu den Chancen auf dem Arbeitsmarkt befragt Goerlich den Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Dr. Michael Oelck. Seine Erfahrung: Die meisten sind hoch motiviert, auch wenn ihre Zielvorstellungen zuweilen unrealistisch sind. Als wichtigste Voraussetzung nennt Oelck die Sprache. Gut ein Jahr brauchen Migranten, um die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeitssuche zu erfüllen. Dabei helfen Kurse im Bildungswerk und Praktika in Zusammenarbeit mit Firmen.

Und um die viele freie Zeit sinnvoll zu verbringen, sind die Sportvereine mit im Boot. Heinz Rengshausen vom DJK berichtet, dass Kinder, Jugendliche und Männer die Angebote gerne annehmen, während Frauen sich sehr schwer tun auf Grund ihrer anderen Kultur.

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