Gemeinden suchen nach Ursachen / „Finanzielle Belastung und Skandale sind ausschlaggebend“
Kirchensteuer: Ein Grund für Austritte

Coesfeld. Die Zahlen sprechen für sich: 100 Katholiken haben im vergangenen Jahr der Kirche mit ihrem Austritt den Rücken gekehrt (wir berichteten). „Ich vermute, dass die Kirchensteuer der Hauptgrund ist“, sucht Johannes Hammans, Pfarrer der Kirchengemeinde Anna Katharina, nach Gründen für die Austritte. Meistens seien es die jüngeren Leute, die ihr erstes Geld verdienen: „Wenn sie sowieso nicht allzu viel Geld zur Verfügung haben, sehen sie, dass sie dann auch noch die Kirchensteuer bezahlen müssen. Das möchten viele nicht“, so Hammans. Vor allem bei jüngeren Menschen sei der Abstand zur Kirche größer geworden. „Viele stellen sich die Frage, wofür sie die Kirche eigentlich noch brauchen.“ Oft seien es aber auch die Skandale, wie beispielsweise der des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst. Das bedeute dann für viele den Austritt. Diese Affäre ist im Jahr 2013 ans Licht gekommen, die Aufregung sei mittlerweile wieder abgeebbt, so Hammans. Das spiegle sich auch in den Zahlen wieder: Waren es im Jahr 2015 noch 109 Austritte, sind es in der aktuellen Statistik neun weniger.

Dienstag, 01.08.2017, 10:18 Uhr

Gemeinden suchen nach Ursachen / „Finanzielle Belastung und Skandale sind ausschlaggebend“ : Kirchensteuer: Ein Grund für Austritte
100 Menschen kehrten im Jahr 2016 der katholischen Kirche den Rücken zu. Bei der evangelischen Gemeinde waren es 37. Foto: Leon Seyock

Michaela Kiepe vom bischöflichen Generalvikariat teilt mit, dass für ein Drittel aller Austritte die Kirchensteuer verantwortlich sei. „Ein weiterer wichtiger Faktor ist aber auch die Wahrnehmung der Menschen, dass die Lehre der katholischen Kirche mit ihren Normen veraltet sei“, berichtet sie weiter.

Kiepe ist aber auch von der Zahl der Wiederaufnahmen in den katholischen Kirchen überrascht: Zehn waren es im vergangenen Jahr, die Zahl hat sich im Vergleich zu 2015 verdoppelt. Sie schildert die Situation einer 43-jährigen Frau: Als Kind sei sie oft in der Kirche gewesen, habe sich aber am Anfang des Jurastudiums von ihr entfernt. Erst, als sie schwanger war, habe sie oft gebetet, dass ihr Kind gesund zur Welt kommt. In dieser Zeit sei ihr der Beistand „von oben“ wichtig gewesen. Und als die Erstkommunion des Kindes anstand, wollte sie wieder richtig dazu gehören. Vor allem die lockere und offene Art in der Gemeinde habe sie nach Jahren wieder angesprochen. „Diese Kirchenbiografien sind nicht untypisch“, weiß Kiepe.

Die evangelische Kirchengemeinde konnte uns zum jetzigen Zeitpunkt mitteilen, dass 2016 37 Menschen aus der Gemeinde ausgetreten sind, und damit fünf mehr als im Jahr zuvor. „Die Austritte halten sich im Rahmen. Über die Gründe erfahren wir nur selten etwas. Meistens sind es finanzielle Gründe bei jungen Leuten“, berichtet Pfarrerin Birgit Henke-Ostermann. „Problem der Kirchen ist, dass sie eben nicht immer eine Möglichkeit der Identifikation mit ‘ihrer’ Kirchengemeinde oder ‘ihrer’ Konfession, ‘ihrem’ Glauben schaffen und anbieten können. Kirche ist dann doch letztlich für manche ein Verein, dessen Angebot gerade nicht passend ist“, so Henke-Ostermann.

Aktuell habe die evangelische Gemeinde ungefähr 5300 Mitglieder, teilt Erika Kieselbach aus dem Gemeindebüro auf Anfrage unserer Zeitung mit.

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