Psychotherapeut muss sich vor Gericht verantworten / Zwei Patientinnen sagen aus / Donnerstag soll Urteil fallen
Schwerer Vorwurf: Sexueller Missbrauch in 122 Fällen

Coesfeld. Wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Patientenverhältnisses muss sich derzeit ein Psychotherapeut aus der Region vor dem Amtsgericht Coesfeld verantworten. Dem Mann wird laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, von Mitte 2013 bis Mai 2016 in 122 Fällen sexuelle Handlungen an zwei Patientinnen vorgenommen zu haben. Gegen eine Patientin soll es außerdem in vier Fällen zu körperlicher Misshandlung durch Ohrfeigen gekommen sein.

Dienstag, 30.01.2018, 18:36 Uhr

Zu den Anschuldigungen wollte sich der Angeklagte nicht äußern. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie üblicherweise seine Behandlungen abliefen, antwortete der Angeklagte: „Körperlicher Kontakt findet nicht statt und wenn er stattfindet, unterbreche ich es und lass es nicht zu.“ Außerdem schilderte er, dass er eine Armlänge Abstand zu seinen Patienten habe, während diese in Embryonalstellung oder in Rückenlage mit einer Decke bedeckt vor ihm lägen.

Nachdem der Richter dem Wunsch einer Zeugin nachgekommen war, ihre Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu machen, schilderte die zweite Zeugin, wie sie die Behandlungen während der Psychoanalyse erlebte. Dabei habe sie zunächst immer auf der Seite gelegen und sich nach einer Viertelstunde in die Rückenlage begeben müssen. Dann sei der Angeklagte mit einer Hand unter die Decke gegangen und habe angefangen, die Brust der Nebenklägerin zu massieren. Mit seiner anderen Hand soll er ihre Hand genommen und sie in seinen Schoß gelegt haben. Hin und wieder habe sie dabei etwas gespürt, das sie als Erektion deutete. Ob ihr nie Zweifel an diesen Methoden gekommen sei, erkundigte sich der Richter bei der Zeugin, die diese Art der Behandlung mehrere Monate erduldete. „Ich weiß, das ist nicht fassbar, aber ich habe wirklich daran geglaubt, Hilfe zu bekommen und dass sich für mich etwas Positives ergibt.“ Zumal ihr die Psychoanalyse als „langwieriger und intensiver“ Prozess erklärt wurde, habe sie die Behandlung nicht sofort abbrechen wollen. Erst als sie sich Anfang 2016 ihrem Mann anvertraute „und es laut ausgesprochen habe, ist mir bewusst geworden, was wirklich passiert ist“, so die Zeugin. Ihr Mann habe die Behandlung daraufhin sofort mit einem Anruf bei der Mitarbeiterin des Angeklagten unterbunden. Bis die Zeugin Anzeige bei der Polizei erstatte verging ein weiteres halbes Jahr. „Ich habe die Zeit gebraucht, um sicher zu sein, dass ich das durchstehe und stark genug bin, um heute hier zu sein“, erklärte die Nebenklägerin, die außerdem versicherte, dass die Anzeige ihre eigene Entscheidung gewesen sei.

Die Frage des Richters, ob sie auch geohrfeigt worden sei, verneinte die Frau deutlich. „Vielleicht wäre das aber gut gewesen. Dann wäre ich vielleicht aufgewacht.“ Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt. Dann soll auch das Urteil fallen.

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