Coesfeld
Für einen dialogischen Islam

Coesfeld. Große Augen mit strahlenden Gesichtern bei den Gastgebern vom Caritasverband für den Kreis Coesfeld, dem Kreisdekanat und dem Kreisbildungswerk. Immer mehr Gäste suchen im Pfarrheim der Anna-Katharina-Gemeinde einen Platz, um dem Vortrag von Prof. Dr. Mouhanad Khorchide folgen zu können. Der Raum droht aus allen Nähten zu platzen, da öffnet Pfarrer Johannes Hammans die Türen der Kirche. Rund 300 Zuhörer ziehen um. Die Frage des Islamtheologen und Soziologen „Wie der Islam in Deutschland gelebt werden kann“ bewegt die Coesfelder.

Donnerstag, 15.11.2018, 13:20 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 14.11.2018, 19:16 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 15.11.2018, 13:20 Uhr
Coesfeld: Für einen dialogischen Islam
Der Islamtheologe Prof. Dr. Mouhanad Khorchide positionierte sich in der katholischen Anna-Katharina-Kirche klar zum dialogischen Islam und hofft so auf eine gemeinsame Basis für ein christliches, jüdisches und islamisches Deutschland. Foto: hlm

Khorchide setzt sich deutlich für einen dialogischen Islam ein. Einer Ausrichtung, die den Koran nicht als politische Argumentationshilfe autokratischer oder radikaler Systeme versteht, sondern den Menschen mit seiner Haltung und dem Glauben an Gott in den Mittelpunkt rückt. Aus dieser Sichtweise sei eine friedvolle und vielfältige Korrelation mit deutschen und europäischen Werten möglich. Dazu brauche es das Grundverständnis, dass zu Deutschland das Christentum, das Judentum und der Islam gehöre. Zudem sei eine klare Identität nötig. Doch dieses „Wir“ sei für viele Menschen, unabhängig von politischen oder gesellschaftlichen Stellungen, schwammig und nicht eindeutig. Khorchide macht es an jungen Menschen fest, die den Koran als Symbol mit sich tragen, aber sich nicht der Inhalte und Bedeutung bewusst sind. „Sie können sagen, was sie nicht sind, aber nicht sagen, wer sie sind.“ Solche verunsicherten Identitäten durchziehen aus seiner Sicht die gesamte Gesellschaft, unabhängig von der Herkunft.

In den Fragen aus dem Publikum spiegeln sich Unsicherheiten, Sorgen und Ängste. Häufig werden der Einfluss der DITIB auf Coesfeld und die Wertvorstellungen des Islams thematisiert. Ludger Schulte-Roling von der Coesfelder Flüchtlingsinitiative stellt klar, dass nur der Imam von der DITIB finanziert wird. Khorchide weist auf die Problematik hin: „Es gibt kaum Imame, die hier in Deutschland ausgebildet wurden.“ Die beruflichen Perspektiven seien zu unattraktiv. Die Gemeinden müssen somit auf das Angebot der DITIB zurückgreifen. Der Islamtheologe hofft, dass ein Weg eröffnet wird, islamische Religionslehrer, die an deutschen Hochschulen ausgebildet wurden, als Imame in den Moscheen einsetzen zu können.

Sener Bozdere vom türkisch-islamischen Kulturverein hebt das gute Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in Coesfeld hervor. Er lädt alle zum Dialog in und mit der islamischen Gemeinde ein. Eine Zuhörerin stößt kurz die Kopftuch-Debatte an. Khorchide positioniert sich eindeutig: Ja, wenn das Kopftuch als Zeichen der Demut zu Gott getragen wird. Nein, wenn es als Reduzierung auf das sexualisierte Objekt verstanden wird. Im Koran stehe über das Tragen einer Haarbedeckung für Frauen nichts. Es sei eher eine Interpretation aus geschichtlichem Kontext. Im Mittelalter diente das Kopftuch als Zeichen zwischen Sklavinnen und Nicht-Sklavinnen.

Das monologische Islammodell überwiegt, so Khorchide. Er setzt auf eine lange Phase der Aufklärung, in der sich die hier lebenden Muslime durch Bildung mit den gesellschaftlichen Werten deutlich identifizieren: „Die eigentliche Arbeit ist die Arbeit am Menschen selbst.“ Für den offenen Dialog gab es großen Applaus der Zuhörer und eine Einladung vom Moderator Eberhard Ernsting (KBW) an Prof. Khorchide zu einer weiteren Veranstaltung.

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