Coesfeld
Großartiges Mitmachtheater

Coesfeld. Leise Musik empfängt die jungen Zuschauer, einfache Bänke sind auf der Studiobühne des Konzert Theaters rund um ein großes Kreidebild aufgestellt. „Ich male gerade mein Zuhause“, erklärt eine junge Frau den Kindern und lädt sie ein, dabei zu helfen, den Garten zu malen. Es entstehen Blumen, Blätter, Schmetterlinge.

Mittwoch, 06.02.2019, 18:32 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 18:36 Uhr
Coesfeld: Großartiges Mitmachtheater
Liebevoll und kindgerecht führt die Schauspielerin Kathrin Blüchert ihre jungen Zuschauer durch eine Mitmach-Geschichte, die mit einfachen Mitteln klar macht, was der Verlust von Heimat für Menschen bedeutet. Foto: Ursula Hoffmann

Die Darstellerin Kathrin Blüchert hat eine sehr sanfte Stimme und strahlt große Ruhe aus. In der folgenden Stunde wird sie zur Erzählerin, Schauspielerin und Puppenspielerin und füllt eine auf einem Buch der Niederländerin Joke von Leeuwen beruhende Flucht-Geschichte mit Leben. Dabei zeigt sie mit ganz einfachen Mitteln auf ungeheuer eindrucksvolle Weise, was Krieg und Verlust der Heimat für Menschen bedeutet.

Das Zuhause „war zu der Zeit, als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor“, erzählt die inzwischen erwachsene Toda dem Publikum. Als Busch wollte sich der Vater vor dem Feind tarnen, ihren Namen konnte in dem neuen Land niemand aussprechen, deshalb nennt sie nur die letzten vier Buchstaben als neuen Namen. Todas Mutter lebt im Nachbarland, die Oma passt auf das Mädchen auf, während der Vater dorthin geht, „wo die einen gegen die anderen kämpfen“. Als der Krieg immer näher kommt, schickt die Oma das Mädchen auf eine ungewisse Reise zu ihrer Mutter.

So wie das gemütliche Zuhause vor den Augen der Kinder entstanden ist, so verschwindet es auch – es wird einfach weggewischt. Nur eine Puppe und ein Buch mit Erinnerungen nimmt Toda mit auf die Flucht. Blüchert schlüpft in verschiedene Rollen, wird zum geldgierigen Schleuser, zur strengen Heimleiterin, zum Deserteur. Die Rolle des Mädchens übernimmt dann eine von ihr geführte Puppe. Diese Puppe, die allein auf der fast dunklen Bühne unter einer kratzigen Decke liegt, ist ein starkes Bild der Einsamkeit. Trotzdem ist das Stück nicht nur traurig.

Die Kinder erleben auch ein ganz besonderes Abenteuer, denn obwohl Toda allein im Wald übernachten muss, findet sie Menschen, die ihr helfen und verliert nie ihren Mut. Schön das Schattenspiel in einer Waldhütte, in der Toda einem Kommandanten beibringt, wie man kommandiert und er ihr das Märchen von einem Wolf mit Bauchweh erzählt, der nie wieder eine Großmutter fressen will.

Sehr gradlinig und liebevoll werden die Kinder durch diese Geschichte geführt, die zum Glück für Toda auch gut ausgeht, denn sie findet ihre Mutter und in der Fremde eine neue Heimat. Im anschließenden Publikumsgespräch dürfen sie Fragen stellen, erfahren, dass die Autorin eine Fantasiesprache für das fremde Land gewählt hat, um zu zeigen, dass jeder in so eine Situation kommen kann. Eine großartige Theaterstunde, in der ein schwieriges Thema sensibel und kindgerecht aufbereitet wird.

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