Coesfeld
„Schaumschlägerei wird nicht honoriert“

Coesfeld. Heute Abend wird bei der CDU ein neuer Vorsitzender gewählt. Unser Redaktionsmitglied Detlef Scherle sprach mit dem scheidenden Stadtverbands-chef Valentin Merschhemke, der hauptberuflich als Psychologe arbeitet, über Erfolge, Misserfolge, das Baustellenchaos in der Stadt und auch darüber, was die Politik von der Psychiatrie unterscheidet.

Mittwoch, 27.03.2019, 18:48 Uhr aktualisiert: 28.03.2019, 13:50 Uhr
Coesfeld: „Schaumschlägerei wird nicht honoriert“
Beklagt auch das Baustellenchaos in der Stadt: Valentin Merschhemke, der heute als CDU-Vorsitzender in Coesfeld abtritt. Foto: az

Herr Merschhemke, warum machen Sie nach acht Jahren Schluss mit dem Vorsitz bei der Stadt-CDU?

Merschhemke: Das Vorsitzendenamt ist immer ein Amt auf Zeit. Die Aufgabe hat mir bis zuletzt viel Freude gemacht, auch weil wir so ein tolles Vorstandsteam sind. Ich bin froh, dass jetzt viele sagen, „Schade, dass er aufhört“, bevor es heißt „Gottseidank!“ (lacht) Ich habe schon mehrere Rückmeldungen bekommen, dass ich im Vorstand weiter mitmachen soll. Schauen wir mal. Ich habe lange überlegt, wann der beste Zeitpunkt ist aufzuhören. Letztlich habe ich mich dazu entschieden, jetzt den Staffelstab weiterzugeben, weil Vieles schon auf den Weg gebracht wurde, was weitergeführt werden kann. Bereits Ende 2017 haben wir eine Zukunftskommission eingerichtet, um Weichenstellungen für die Kommunalwahlen 2020 vorzunehmen.

Bleiben Sie denn politisch aktiv?

Merschhemke: Ich war und bin auch weiterhin gesellschaftlich engagiert. Ich bleibe noch in allen anderen Funktionen politisch aktiv, als Kreistagsabgeordneter, als stellvertretender Vorsitzender der CDA Coesfeld, als Schriftführer im KPV-Kreisvorstand, freue mich auf den Europawahlkampf im Mai, die Kommunalwahlen 2020...

Was waren die größten Erfolge in Ihrer Amtszeit?

Merschhemke: Als Erfolg ist sicherlich das gute Abschneiden bei der Kommunalwahl 2014 einschließlich der Bürgermeisterwahl zu nennen. Besonders freut mich natürlich, dass es Wilhelm Korth gelungen ist, zunächst als Coesfelder als Kandidat für den Landtagswahlkreis Coesfeld I - Borken III aufgestellt und schließlich mit einem hervorragenden Ergebnis in den Landtag gewählt zu werden. Das sind immer Teamleistungen, die nur gelingen konnten, weil die Ortsverbände und der Stadtverband so gut zusammenarbeiten. Überhaupt – das gute Miteinander in der CDU ist auch ein großer Erfolg, weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass man gemeinsam in eine Richtung geht, wo so viele Leute beteiligt sind.

Womit waren Sie am Ende nicht so zufrieden?

Merschhemke: Mir bereitet allgemein Sorge, dass es immer schwerer gelingt, Menschen für die politische Arbeit zu gewinnen. Es scheint immer weniger attraktiv zu sein, sich politisch für das Gemeinwohl einzusetzen. Ob es nur damit zusammen hängt, welches Bild „die da oben“ in Bund und Land abgeben? Wo müssen wir als Kommunalpolitiker auch selbstkritisch unser Auftreten in der Öffentlichkeit reflektieren? Was wir brauchen, ist mehr politische Bildung für breitere Schichten und bessere Politik auf allen Ebenen. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Erstarken populistischer Parteien seine Ursache in mangelnder politischer Bildung hat. Wir müssen und werden uns noch früher einsetzen und noch stärker für diejenigen Menschen öffnen, die sich für Kommunalpolitik interessieren, ohne am Ende zu kandidieren. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wir sind dran.

Die CDU muss sich, um ihre Ziele durchsetzen zu können, im Rat immer wieder Partner suchen, weil sie keine absolute Mehrheit mehr hat. Meist war das in der vergangenen Legislaturperiode die SPD. Stimmt der Eindruck, dass die „Große Koalition“ in Coesfeld deutlich geräuschloser „schnurrt“ als die in Berlin?

Merschhemke: Die CDU-Fraktion macht nach intensiver Prüfung ihre Positionen in Ausschüssen und Rat deutlich. Fast immer ergeben sich dafür Mehrheiten. Es gibt in Coesfeld aber keine „Große Koalition“, wohl ist festzuhalten, dass die SPD den hoffentlich guten Argumenten der CDU oft oder mitunter zustimmt, oder die Union lässt sich von neuen Argumenten überzeugen. Und trotzdem werden wir alles daran setzen werden, die absolute Mehrheit zurückzuholen und den neuen Mann oder die neue Frau im Rathaus zu stellen. (lacht)

Die Bürger schimpfen dieser Tage sehr über das Baustellen-Chaos. Haben Politik und/oder Verwaltung Fehler gemacht?

Merschhemke: Ja, wir als CDU ärgern uns auch über das teilweise Baustellen-Chaos in der Stadt, was wir als Union auf einer Info-Tour übrigens mit dem Bürgermeister angemahnt haben. Es nützt auch nichts zu sagen, man könne alles zu Fuß oder mit dem Rad erreichen, wobei ich sagen muss, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, das Auto öfter mal stehen zu lassen, auch aus ökologischen Gründen. Die Umsetzung der vom Rat beschlossenen Maßnahmen für eine attraktive und zukunftsorientierte Innenstadt liegt in der Regel bei der Verwaltung. Mehr Transparenz wäre wünschenswert. Man kann darüber diskutieren, ob alle Maßnahmen auf einmal erledigt werden müssen oder ob man an der einen oder anderen (Bau-)Stelle zunächst nur den symbolischen Spaten hätte ansetzen sollen, und die Maßnahme dann verschieben. Ich frage mich aber, ob wir Fördermittel in Millionenhöhe liegen lassen und die Hände in den Schoß legen sollten? Zuzugeben ist, dass es für den Einzelhandel nicht einfach ist – und das bei der Online-Konkurrenz.

Bundespräsident Steinmeier hat kürzlich in einer Rede zur „Woche der Brüderlichkeit“ erklärt: „Wir leben in Zeiten, in denen Respekt und Vernunft weniger geachtet werden und die demokratischen, auf Vernunft gründenden Regeln unseres Zusammenlebens offenbar stärker unter Druck geraten.“ Ist das auch in Coesfeld der Fall?

Merschhemke: : Ich finde, der Bundespräsident versteht es gut, Dinge auf den Punkt zu bringen: Er hat auf jeden Fall Recht mit seiner Einschätzung, wenn man sich den Umgang miteinander anschaut. Es fehlt oftmals an Wertschätzung, am fairen Umgang miteinander. Wir als Demokraten dürfen unsere Stadt und unseren Kreis nicht den Vereinfachern und Populisten mit ihren undemokratischen Zielen überlassen. Beobachtung oder gar Verbote einzelner Parteien sorgen nicht dafür, dass das antidemokratische und nationalistische Denken in den Köpfen verschwindet.

Sie sind ja hauptberuflich Psychologe im Sozialpädiatrischen Zentrum der Christophorus-Kliniken und leiten ehrenamtlich den Verein zur Förderung der psychosozialen Dienste. Wo geht es aus Ihrer Sicht irrwitziger zu, in der Psychiatrie oder in der Politik?

Merschhemke: Gute Frage: Politik ist ja letzten Endes auch immer Spiegel der Gesellschaft, und wir erleben im Kleinen manchmal auch die großen Dramen, wenn Charakterköpfe aufeinandertreffen. Da kommt mir sicherlich manchmal auch mein therapeutisches Know-how zu Gute. (lacht) Ich glaube, wenn die CDU weiterhin im positiven Sinn so „geräuschlos“, ohne Krawalle Politik für die Menschen macht, ist sie auf dem richtigen Weg. Die Wähler wollen eine klare, verlässliche Ausrichtung. Schaumschlägerei wird nicht honoriert. Reden wir weniger über Personen, konzentrieren wir uns auf die Sacharbeit, schauen wir dahin, wo der Schuh drückt und kümmern uns drum, dann machen wir gute Politik.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6502457?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947601%2F
Nachrichten-Ticker