Coesfeld
Schmöker nur noch aus dem Schrank

Coesfeld. Den Bücherschrank haben die Mitarbeiterinnen im Herz-Jesu-Pfarrzentrum in Goxel schon am Mittwoch mit den ersten Schmökern bestückt. Es könnte eine ausschließlich stimmungsvolle Einweihung werden, wenn nicht gleichzeitig eine Ära zu Ende ginge. „Das 50-jährige Jubiläum haben wir noch geschafft, aber jetzt ist es leider so“, sagt Büchereileiterin Rita Schultewolter, nicht ohne Wehmut in der Stimme. Denn nach dem heutigen Familienfest schließt die Bücherei in Goxel für immer ihre Pforten. Bei einem Bücherflohmarkt erfolgt nach der Prozession der letzte Abverkauf.

Donnerstag, 20.06.2019, 09:02 Uhr
Coesfeld: Schmöker nur noch aus dem Schrank
Den Bücherschrank zu beiden Seiten des Eingangsbereichs im Herz-Jesu-Pfarrzentrum haben (v.l.) Rita Schultewolter und Christiane Klein schon am Mittwoch bestückt. In Zukunft werden die Regale in Goxel die einzige Anlaufstelle für Literatur sein. Foto: Florian Schütte

Immer weniger Leser, kein Internetanschluss, geschweige denn WLAN in der Bücherei, und die vielen schuleigenen Büchereien in den Bildungseinrichtungen im Umkreis – all das hat dazu geführt, dass sich die Bücherei in Goxel nicht mehr lohne. Vor allem ohne auf dem E-Book-Markt mitzumischen, gehe es heute gar nicht mehr. Auch eine Verlängerung der Ausleihfrist sei online nicht möglich gewesen. „Zum Schluss hatten wir noch 1500 Bücher und es ist zu schade, ein Buch für 30 Euro zu kaufen, das dann vielleicht zweimal ausgeliehen wird“, erklärt Rita Schultewolter, die 19 Jahre lang die Bücherei geleitet hat – ehrenamtlich, so wie ihr ganzes Team.

„Allgemein wird weniger gelesen“, beobachtet Schultewolter auch beim Nachwuchs. „Die jungen Leute sind mit ihren anderen Medien schon ganz beschäftigt.“ Zwar gebe es immer noch Leser, die lieber zwischen Buchdeckeln in andere Welten abtauchen, als auf einem Bildschirm zu lesen. „Aber der Trend geht schon zum E-Book, weil man sich da gleich mehrere für den Urlaub auf seinen Reader laden kann“, sagt Schultewolter. Ausschlaggebend für womöglich schwindende Lust am Lesevergnügen könnte auch die schnelle Verfilmung von Jugend-Romanen sein. „Die Tribute von Panem, Harry Potter, Das Schicksal ist ein mieser Verräter – das sind alles Bücher, die innerhalb kürzester Zeit verfilmt wurden“, listet Schultewolter auf. „Und dann liest man meistens die Bücher nicht mehr.“

Zudem gebe es auch einige Leseclubs, die sich ein Buch kaufen und es dann herumreichen. Und auch das sei ein Trend: Häufig würden Bücher heute eher gekauft als ausgeliehen, um sie zu verschenken.

Nun muss also alles raus aus der Gemeindebücherei in Goxel. „Kindergärten und die Flüchtlingshilfe haben sich schon etliche Bücher abgeholt“, berichtet Rita Schultewolter. „Viele weitere geben wir beim Flohmarkt gegen eine Spende zur Pflege des Bücherschranks ab“, sagt die Leiterin der Bücherei. Einige neuere Bücher habe man auch für die Erstausstattung des Bücherschranks zurückgehalten. „Bis sich das Angebot etabliert.“ Etliche Schmöker sind also auch noch künftig in Goxel zu den Öffnungszeiten des Pfarrzentrums zu bekommen – dann jedoch nur noch aus dem Schrank, der den Eingangsbereich umrahmt.

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