Coesfeld
Pause bei extremem Wetter

Coesfeld. An ungefähr 14 Tagen haben die Mitarbeiter des Dachdeckerbetriebs von Stefan Hericks in den beiden vergangenen Sommern spätestens mittags ihre Arbeit beenden müssen. Brüllende Hitze und die sengende Sonne wären sonst zur Gefahr für ihre Gesundheit geworden. Kein Wunder, dass Hericks, der auch Obermeister der Dachdecker-Innung im Kreis Coesfeld ist, einen Vorstoß begrüßt, den auch andere Betriebe aus dem Baugewerbe unterstützen: das Extremwettergeld.

Montag, 19.08.2019, 11:00 Uhr
Coesfeld: Pause bei extremem Wetter
Foto: az

Ulrich Müller, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, erklärt, was es damit auf sich hat: „Wir halten es für sinnvoll, das Saisonkurzarbeitergeld, das bislang von Dezember bis März gezahlt werden kann, von der Zeitschiene zu lösen und auf extreme Wetterverhältnisse anzuwenden – egal, wann sie sich ereignen.“

Das Saison-Kurzarbeitergeld, früher Schlechtwettergeld genannt, ist eine Ersatzleistung aus der Arbeitslosenversicherung, die eine ganzjährige Beschäftigung für Mitarbeiter im Bauhauptgewerbe ermöglichen soll. Einfach gesagt: Wenn ein kalter Winter bestimmte Arbeiten am Bau nicht zulässt, hören die Handwerker zwar auf zu arbeiten, stehen aber trotzdem nicht ohne Lohn da oder müssen gar entlassen werden. Wer zwei Wochen lang nur halbe Tage arbeitet, hätte sonst einen Lohnausfall von 25 Prozent. Auch über spontanen Urlaub ist die Zwangspause nicht immer zu regeln. Überstundenkonten drohen nicht selten, ins Minus zu rutschen.

„In den vergangenen Jahren sind die Winter nicht mehr so kalt gewesen und das Saison-Kurzarbeitergeld ist deshalb kaum genutzt worden“, sagt Ulrich Müller. Stattdessen gebe es extreme Wetterverhältnisse auch zu anderen Jahreszeiten – Hitze, Starkregen oder Stürme – auf die man reagieren solle. „Nicht zuletzt geht es auch darum, für die kommenden Jahre Arbeitsbedingungen zu schaffen, die das Baugewerbe für junge Menschen interessant machen“, denkt Müller noch einen Schritt weiter.

Würde es nicht ausreichen, die Arbeitszeiten im Baugewerbe flexibler zu gestalten? Was spricht dagegen, im Sommer schon um 5 oder 6 Uhr zu beginnen und nach einer langen Siesta in den Abendstunden die Arbeit wieder aufzunehmen? Da winken beide, Müller und Hericks, ab. Auf einer Großbaustelle sei das vielleicht noch am ehesten denkbar, aber in Wohngebieten seien Lärmemissionen früh morgens und abends ausgeschlossen. Auch arbeitsorganisatorische Argumente wie Anfahrtswege und ähnlich machten eine Flexibilisierung der Arbeitszeit nur beschränkt sinnvoll. „Und denken Sie daran, dass wir in diesem Sommer an manchen Tagen die Spitzentemperatur erst am späten Nachmittag erreicht haben“, erinnert Müller.

In Tarifverhandlungen auf Landes- und Bundesebene soll das Thema vorangetrieben werden, so Ulrich Müller, der mit dem hiesigen Bundestagabgeordneten Marc Henrichmann erst kürzlich bei dessen Besuch bei der Kreishandwerkerschaft das Thema erörtert hat. Auch die gesetzlichen Bestimmungen müssten geschaffen werden. Müller: „Entscheidend ist für uns und unsere Mitglieder, dass die Regelung für die Betriebe kostenneutral verläuft. Eine Finanzierung über Umlagesysteme lehnen wir ab.“

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