Coesfeld
Lockere Vögel und Grenzkontrollen

Coesfeld. Frank Goosen hat die Maueröffnung sozusagen verpennt: Abends saß er vor einem Video und hörte erst morgens im Radio von Berlin und dem Fall der Mauer. „Als ich dann im Fernsehen, ich bin ein sehr visueller Mensch, die Bilder gesehen habe, wusste ich, da ist eventuell etwas von Wichtigkeit passiert“, erzählt er schmunzelnd. Thomas Borgert, Pressesprecher der VR-Bank Westmünsterland, begrüßt den „Ur-Bochumer, Kabarettisten, Schriftsteller und VFL-Fan“ in der Filiale an der Kupferstraße, wo er seinen neuen Roman „Kein Wunder“ vorstellt. 150 Zuhörer füllen die Hanse-Lounge bis auf den letzten Platz und zeigen, so Borgert, dass der Treffpunkt Literatur, in dessen Rahmen Goosen auftritt, „einen festen Platz im Coesfelder Kulturkalender hat“.

Mittwoch, 21.08.2019, 19:18 Uhr
Coesfeld: Lockere Vögel und Grenzkontrollen
Auf großes Interesse traf die Lesung mit dem Bochumer Schriftsteller, Kabarettisten und Fußballfan Frank Goosen (l.) im Rahmen des „Treffpunkts Literatur“. Foto: Ursula Hoffmann

Was Frank Goosen damals irgendwie verpasst hat, holt er in seinem Roman nach, mit dem er ins Jahr 1989 reist und von drei jungen Männern Anfang zwanzig erzählt, die diese Zeit des Wandels auf ihre ganz eigene Weise erleben. Fränge, laut Goosen „der lockerste der drei Vögel“, lebt in Berlin und hat gleich zwei Freundinnen, eine im Osten und eine im Westen – klar, dass er nicht so scharf auf den Mauerfall ist. Seine Freunde Brocki und Förster wollen ihn dort besuchen, müssen dabei aber natürlich die Grenzkontrollen überwinden. Köstlich gleich das erste Kapitel, in dem der ziemlich besoffenen Brocki „verdammte Lust hat im Todesstreifen barfuß zu tanzen“ und mit seinem benebelten Kopf naiv-treffsicher das Prozedere der Grenzüberschreitung kommentiert.

Goosen trifft den Tonfall des Besoffenen genauso perfekt wie das Sächseln der Grenzer, eilt fast atemlos durch die Geschichte und erntet immer wieder Gelächter im Publikum wegen der ebenso lockeren wie treffenden Beschreibungen. Hört man ihn lesen, wird schnell klar, dass seine (natürlich selbst eingelesenen) Hörbücher ein besonderes Vergnügen sein müssen. Seine sehr pointierte Erzählweise offenbart Humor und große Detailverliebtheit. Skurrile Szenen, die er in seiner eigenen Studentenzeit erlebt hat, Ruhrpott-Milieu und gewitzte Methoden, dem Politbüro perfekte Planerfüllung vorzuspielen – alles fügt Goosen zu einem stimmigen Sittengemälde.

Den Ruhrpott kennt er wie seine Westentasche, bei den Recherchen zur DDR haben der dort aufgewachsene Freund Herbert („Wirtschaftsprüfer und Punk“), der in der DDR geborene Schriftsteller Jakob Hein („Ich kenne kein besseres Buch von einem Wessi über den Osten.“) als auch YouTube-Filme zum Einfühlen geholfen, wie Goosen im anschließenden Gespräch („Mit dem Kauf der Eintrittskarte haben Sie das Recht erworben, Fragen zu stellen.“) erklärt. Und so bereiten der Campingkocher „Juwel“ aus dem VEB Lötgeräte Dresden, eine Zigarettensorte gleichen Namens, die Ostberliner Mokka-Milch-Eis-Bar und viele weitere humorvoll aufbereitete Details dem Publikum einen lehrreich-vergnügten Abend.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6864713?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947601%2F
Nachrichten-Ticker