Coesfeld
Mit Mut, Weitblick und klarem Wort

Coesfeld. Herbert Fleißig, über den Verlag hinaus sehr geschätzter Herausgeber und Altverleger der Allgemeinen Zeitung in Coesfeld, ist am Montag kurz nach Vollendung seines 90. Lebensjahres verstorben.

Mittwoch, 28.08.2019, 11:10 Uhr
Coesfeld: Mit Mut, Weitblick und klarem Wort
Zum Verlagsjubiläum 2009 begrüßte Altverleger Herbert Fleißig, hier mit Verlegerin Nina Ross (geb. Fleißig), den damaligen Ministerpräsidenten Dr. Jürgen Rüttgers. Foto: az

Am 22. Juli 1929 wird Herbert Fleißig als ältester von zwei Söhnen des Verleger-Ehepaares Leo und Itta Fleißig, geb. Fischer, in Coesfeld geboren. Sein beruflicher Weg in die Firma Druck + Verlag J. Fleißig ist schon früh vorgezeichnet. Mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre und der Publizistik in den 50er-Jahren in Freiburg sowie mit Praktika in mehreren Verlagen und einer Druckerei bereitet sich Herbert Fleißig intensiv auf seine künftige Führungsaufgabe vor. Sie ist mit einer großen publizistischen Verantwortung verbunden, denn schließlich ist die Allgemeine Zeitung „die“ Heimatzeitung für die Wirtschaftsregion Coesfeld schlechthin. 1834 von Buchdrucker Wittneven als Wochenblatt gegründet, werden Verlag und Druckerei 1889 vom Großvater Jakob Fleißig übernommen, der die Allgemeine Zeitung fortan werktäglich herausgibt. 1919 übernehmen die Brüder Leo und Max Fleißig die Firma. 1960 tritt Herbert Fleißig in den Verlag ein und übernimmt die geschäftliche und bald auch die publizistische Verantwortung.

Mit unternehmerischem Mut und Weitblick schafft er baulich, technisch und personell die Voraussetzungen, um als familiengeführter Verlag in Zukunft bestehen zu können. Da das Geschäftsgebäude mit Verlag und Druckerei an der Rosenstraße aus allen Nähten platzt, wird 1971 an der damaligen Peripherie der Stadt am Druffels Weg ein Neubau errichtet. Wohlwissend, dass eine Lokalzeitung für Leser und Kunden im Stadtkern erreichbar sein muss, verbleiben Vertrieb und Geschäftsstelle im alten Verlagsgebäude. Die freien Räume werden zwischenzeitlich als Jugendzentrum und Arbeitslosentreff genutzt – nicht nur hier zeigt sich das soziale Engagement des Verlegers. 50 Jahre fördert er als Mitglied in der 650 Jahre alten Bruderschaft Ss. Fabian und Sebastian deren gemeinnützige Arbeit.

Als Familienmensch genießt er die Zeit mit seinen Kindern Nina und Oliver und kann sich besonders an den Enkelkindern Lea, Felina und Henry erfreuen.

In der Zeitung schätzt Herbert Fleißig aussagekräftige Schlagzeilen und Fotos, griffige Kommentare und unterhaltsame Glossen – er selber aber bleibt lieber im Hintergrund, meidet das Rampenlicht. Nicht aber das klare Wort, wenn es vonnöten ist: gegenüber der Belegschaft, stets gepaart mit großem Wohlwollen und sozialer Verantwortung, gegenüber Lesern und Kunden. Im Sinne der Pressefreiheit der Redaktion den Rücken zu stärken, entspricht seinem publizistischen Selbstverständnis. Das wusste die Redaktion ebenso zu schätzen wie die Bereitschaft des Verlegers, vielen jungen Menschen eine journalistische Ausbildung zu ermöglichen – ungewöhnlich für einen kleinen Verlag. Viele haben inzwischen im Verlag Fleißig Verantwortung übernommen.

1984 – das Jahr beschert dem Verlag nicht nur das 150-jährige Jubiläum, sondern auch einen Teilumzug in die Nordbebauung des neu gestalteten Marktplatzes. Vorausschauend wird von Herbert Fleißig die Rückkehr in das Stadtzentrum eingeleitet. Neben Vertrieb und Geschäftsstelle zieht auch die Redaktion in den Neubau ein. 1994 eröffnet der Verlag an der Stelle des alten, historischen Standorts Rosenstraße das neue AZ-Pressehaus. Alle Abteilungen des Verlages sind wieder unter einem Dach.

Mit dem Neubau des AZ-Pressehauses setzt Herbert Fleißig einen Schlusspunkt unter seine baulichen Aktivitäten, die in seiner Familie Tradition haben. Er ist verwandt mit dem Baumeister Peter Pictorius, dem der Bau der Lamberti-Kirche zugeordnet wird – zwischen ihm und Herbert Fleißig liegen nur neun Generationen.

Zeit seines beruflichen Lebens ist sich Herbert Fleißig seiner publizistischen Verantwortung bewusst und schaut über den Tellerrand hinaus. Er pflegt viele Jahre als Geschäftsführer intensiv den Zusammenhalt kleinerer münsterländischer Verlage in der 1922 gegründeten Zeitungsverlagsgesellschaft Nordwestdeutschland (ZENO). Sie ist ein genossenschaftlicher Zusammenschluss, bei dem die wirtschaftliche Selbstständigkeit der einzelnen Verlage erhalten bleibt und Synergien im Bereich der Mantelredaktion und des Drucks im Verbund mit den Westfälischen Nachrichten / Verlag Aschendorff genutzt werden. Ein Konzept, das heute noch trägt.

1997 sagt Herbert Fleißig „Tschüss“ und vertraut Tochter Nina sein Lebenswerk an. Mit großem Interesse verfolgt er die weitere erfreuliche Entwicklung des Verlages und „seiner“ Zeitung, deren 175-jähriges Bestehen er 2009 im Alter von 80 Jahren mit großer Freude erlebt. Dem Verlag und seiner Belegschaft bleibt er bis zuletzt sehr verbunden – durch seine täglichen Besuche im Verlag, aber auch durch seine Teilnahme an den Treffs der Fleißig(en)-Rentner, die er humorvoll und witzig-satirisch mit heiteren Anekdoten aus dem Verlagsalltag zu würzen weiß.

Was vor allem bleibt, ist die Erinnerung an einen Verleger und Herausgeber, der bei all seinen Entscheidungen stets das Interesse der Leserinnen und Leser sowie das Wohl des Verlages und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Blick hatte. Sprach man ihn darauf an, gab es augenzwinkernd eine typische Fleißig-Antwort: „Es war mir ein Vergnügen.“ Norbert Klein

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6881584?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947601%2F
Nachrichten-Ticker