Coesfeld
Eineiige Zwillinge sorgen für Verwirrung

Coesfeld. „Kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz“, so lautet eines der wichtigsten Grundprinzipien der deutschen Strafprozessordnung. Doch wie verhält es sich bei einer Tat ohne Täter? Mit der Frage hatte sich nun die 13. Strafkammer des Landgerichts Münster anlässlich einer Berufung zu beschäftigen, welche einen Grenzfall der rechtsstaatlichen Prinzipien unseres Strafrechtswesens markierte.

Donnerstag, 29.08.2019, 11:22 Uhr

Der Sachverhalt ist dabei schnell erzählt: In der Nacht zum 22. Oktober 2016 unterhielten sich zwei junge Männer vor einer Coesfelder Diskothek. Einer davon war der später Geschädigte. Um herauszufinden, mit wem er sich gerade unterhält, fragte er den anderen nach dessen Namen. Denn sein Gesprächspartner hat einen eineiigen Zwillingsbruder, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht und in dieser Nacht auch zugegen war.

Dann, so berichteten die Zeugen, schlug das Gespräch in eine laute Auseinandersetzung um. Worum es dabei ging, weiß bis heute niemand. Nur so viel ist klar: Das spätere Opfer schubste sein Gegenüber, woraufhin dessen Zwillingsbruder mit einem Anlauf von etwa zwanzig Metern angerannt kam und dem Geschädigten im Sprung einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. Zunächst bewusstlos wurde dieser am nächsten Tag mit einer fünffach gebrochenen Nase sowie einem gebrochenen Jochbein, allerdings ohne Erinnerung, im Krankenhaus wach.

Einem der Zeugen legte die Polizei bei den Ermittlungen Bilder mit möglichen Tätern vor. Darauf identifizierte dieser den später vom Amtsgericht Coesfeld zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 45 Euro Verurteilten als Täter. Allerdings waren unter den acht Bildern nur das, eben dieses Bruders. Die Aussage des Zeugen, dass der junge Mann auf dem Foto aussieht wie der Täter, traf also auch auf den anderen Zwillingsbruder zu.

Auch im Berufungsverfahren konnte keiner der sieben Zeugen die Zwillinge zweifelsfrei auseinanderhalten. Von den Brüdern selbst war ebenfalls keine Aufklärung zu erwarten. Während der erstinstanzlich Verurteilte schwieg, machte sein Bruder von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Dabei wirkte es fast so als hätten sie, obwohl zweifelsfrei feststand, dass einer von beiden der Täter war, aufgrund der nicht eindeutigen Zuschreibbarkeit gar nichts mit der Tat zu tun.

Die Kammer verwarf am Ende gleichwohl die Berufung und hielt am Urteil des Amtsgerichts Coesfeld mit der Argumentation fest, dass „wenn sich der eine Bruder mit dem Geschädigten unterhält und diesem seinen Namen nennt und der andere ihn dann umhaut“, war letzterer der Täter.

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