Coesfeld
Kann denn Kunst Sünde sein?

Coesfeld. „Begeben Sie sich zusammen mit den Teilnehmenden auf die Reise in die wunderbare Welt der Malerei.“ Dieser Aufforderung der Volkshochschule sind auch in diesem Jahr wieder viele Mal-Begeisterte gefolgt. Eine von ihnen hat jetzt aber erfahren, dass „die wunderbare Welt der Malerei“ wohl doch ihre Grenzen hat, wenn ein freizügiges Motiv gewählt wird. Wie in den Vorjahren wurden Werke der Teilnehmer in den Sommerferien im Rahmen einer Ausstellung auf den VHS-Fluren gezeigt. Nur ein Bild wurde – kurz nachdem es hing– gleich wieder abgenommen. Es zeigt Dita von Teese, die wichtigste zeitgenössische Vertreterin des New Burlesque, in einer typischen Pose. Der Coesfelder Alfred Mertens, selbst nicht Teilnehmer eines der Mal-Kurse, hat den Ausschluss mitbekommen. Ihn empört vor allem die Begründung: „Das Bild könnte die vielen männlichen Teilnehmer der Deutschkurse erregen.“ Das soll die zuständige Fachbereichsleiterin Gudrun Kenning gesagt haben. „Ist das Bild in einem Maße anstößig, dass es nicht ausgestellt werden darf?“ fragt Mertens. Er sieht in dem Abhängen des Bildes eine „Zensur“, mit der die VHS nicht nur gegen die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit, sondern auch gegen ihren Auftrag nach dem Weiterbildungsgesetz verstoße.

Sonntag, 15.09.2019, 10:18 Uhr aktualisiert: 15.09.2019, 15:59 Uhr
Coesfeld: Kann denn Kunst Sünde sein?
Dieses Bild einer Malkursteilnehmerin, das die New-Burlesque-Tänzerin Dita von Teese zeigt, darf in der Volkshochschule nicht hängen. Angeblich weil es junge ausländische Männer, die Deutschkurse besuchen, „erregen“ könnte. Foto: az

Die Künstlerin selbst, die namentlich nicht genannt werden möchte, fühlt sich durch den Ausschluss diskriminiert. „Ich wäre noch zu einem Kompromiss bereit gewesen, dass das Bild in einem Seitenflur hängt“, sagt sie unserer Zeitung. Aber ihr sei unverblümt vermittelt worden, dass ihr Werk „zu vulgär“ sei. Dabei habe sie – auch nach Auffassung der Kursleitung – das Jahres-Thema sehr gut umgesetzt: „Es ging um Begegnungen. Auf dem Bild begegnet Dita von Teese sich selbst. Im Spiegel.“ Die Aufregung um ihr Bild kann sie nicht verstehen: „Da gibt es auf vielen Werbeplakaten und im Internet ganz anderes zu sehen.“

Für die Stadt Coesfeld als eine der Träger-Kommunen verteidigt ihre Sprecherin Andrea Zirkel auf AZ-Anfrage die Entscheidung der VHS-Leitung: „Bei allen Ausstellungen und Präsentationen gilt: Die hier gezeigten Plakate oder Bilder müssen für diesen öffentlichen Raum geeignet sein.“ Das heißt in ihren Augen: „Sie dürfen weder für Kinder noch für Erwachsene verstörend wirken, auch und gerade mit Rücksicht auf verschiedene Kulturkreise und Altersgruppen und darauf, dass das WBK ein offenes Haus ist.“ Fachbereichsleiterin Gudrun Kenning verweist auch auf diesen Kontext: „Es sind Frauen im Haus, die ihren Körper so bedecken, dass gerade einmal die Hände und das Gesicht zu sehen sind.“ Schamgrenzen seien kulturell sehr verschieden, argumentiert Kenning, die auch Gleichstellungsbeauftragte der Stadt ist. „Natürlich“, ergänzt sie, „wird in den Kursen die Rolle der Frau in unserem Land vermittelt und dafür stehen wir selbstbewusst ein, aber erotische Bilder können und wollen wir nicht öffentlich zeigen.“ Gerade der Flurbereich sei öffentlich zugänglich. Sollten ihre Äußerungen missverständlich gewesen seien, bedauere sie das sehr. „Gerne erkläre ich unseren Ansatz auch noch einmal in einem persönlichen Gespräch mit den Betroffenen.“

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