Coesfeld
Ost-West-Kooperation der ersten Stunde

Coesfeld. Hans-Dieter Wittkowski verknüpft mit dem Mauerfall am 9. November 1989 ganz besondere Erlebnisse, denn dieses Ereignis sollte sein weiteres Leben als Unternehmer und Inhaber von TAWICO Heimdecor verändern.

Samstag, 09.11.2019, 10:28 Uhr
Coesfeld: Ost-West-Kooperation der ersten Stunde
Der ehemalige Unternehmer Hans-Dieter Wittkowski (82) verknüpft mit dem Mauerfall ganz besondere Erlebnisse. Er eröffnete mit einem Geschäftspartner aus dem Osten ein Heimdekor-Geschäft in Ostberlin. Auch Zeitungsausschnitte aus der AZ, Reste der Berliner Mauer und einen Berliner Stadtplan aus Zeiten, als Deutschland noch geteilt war, bewahrt der Coesfelder sorgfältig auf. Foto: Manuela Reher

Der heute 82-jährige Coesfelder war in der ersten November-Woche 1989 auf einer Tagung für Raumausstatter in West-Berlin. „Daran haben Kollegen aus ganz Deutschland teilgenommen“, erinnert er sich. Einer von ihnen kam ganz spontan auf die Idee, zum Brandenburger Tor zu fahren. Viele schlossen sich an. „Wir spürten dort instinktiv, dass in den nächsten Tagen etwas Unglaubliches passieren würde“, sagt Hans-Dieter Wittkowski.

Und als er am 9. November abends wieder in Richtung Coesfeld unterwegs war, hörte er im Autoradio die sensationelle Meldung über die Grenzöffnung. „Das war ein großes Glücksgefühl für mich“, verrät der Rentner. Denn er war geschäftlich schon oft in die DDR gereist, um an Fachmessen zum Beispiel in Leipzig teilzunehmen. Er hatte erlebt, wie eingeschränkt die Möglichkeiten für die Bewohner des anderen Teil Deutschlands gewesen waren. Er nahm sich vor, mit seiner Familie am Brandenburger Tor Silvester zu feiern.

„Wir haben zum Jahreswechsel 1989/90 in einer fantastischen Feier-Atmosphäre ein liebenswertes Paar aus Ostberlin kennengelernt, das sich mit einem Laden selbstständig machen wollte“, erinnert sich Wittkowski. Das sei damals der große Wunsch vieler „Ossis“ gewesen. Die ersten gemeinsamen Pläne mit Familie Wittkowski wurden geschmiedet. Doch das Projekt scheiterte aus Mangel an Gewerberaum in Ostberlin.

Der Zufall spielte Hans-Dieter Wittkowski in die Hände, als sein Sohn Andree bei einem Coesfelder Kunden Teppichboden verlegte. Dort war der 35-jährige Ingenieur Steffen Gollas aus Leipzig zu Gast, der in Ostberlin eine Videothek eröffnen wollte. Wittkowski konnte ihn davon überzeugen, gemeinsam mit ihm zwar keine Videothek, aber ein Raumausstatter-Geschäft zu eröffnen.

Bereits ein paar Tage später ist der „Wessi“ Wittkowski nach Ostberlin gefahren, um ein Ladenlokal in der Straße der Pariser Kommune im Stadtteil Friedrichshain direkt an der Spree und unweit der Berliner Mauer zu renovieren. Fortan ging es täglich von Coesfeld nach Berlin. „Die Menschen dort haben uns das Werkzeug für die Umbauarbeiten abgekauft, so dass wir fast jeden Tag wieder neues Werkzeug mitbringen mussten“, erinnert sich Wittkowski. „Es gab dort ja fast nichts zu kaufen“, fügt er hinzu.

Für die Industrie- und Handelskammer in Münster sei eine solche Betriebseröffnung mit einem Geschäftsführer aus dem Westen und dem anderen Geschäftsführer aus dem Osten „absolutes Neuland“ gewesen. Und auch Hans-Dieter Wittkowski musste dicke Bretter bohren, bis er Anfang Mai 1990 mit seinem Geschäftspartner die Eröffnung in Friedrichshain feiern konnte.

Die Ängste vor der Staatssicherheitsbehörde (Stasi) hätten selbst bei privaten Gesprächen in den Kleingärten immer noch eine Rolle gespielt. „Damals habe ich auch ein ganz neues Wort kennengelernt: Bückware“, sagt der Coesfelder. Das sei Ware in den Läden der DDR gewesen, die nicht in den Regalen, sondern unter der Ladentheke zu finden gewesen sei. Im neuen Heimdekor-Geschäft mit dem Namen TAWIGO – Abkürzung für „Tapeten Wittkowski Gollas“ – fand die Bevölkerung endlich eine Vielzahl an Tapeten, Teppichen und Farbe. „Wir haben einen Farbtupfer in die graue Steinwüste gebracht“, sagt Hans-Dieter Wittkowski. Die Kunden seien darüber sehr dankbar gewesen. Im Jahre 1996 hat Wittkowski seine Geschäftsanteile an seinen Geschäftspartner Steffen Gollas übertragen. „Aber diese Zeit voller Begeisterung, Aufbruchstimmung und Pioniergeist möchte ich nicht missen“, sagt Hans-Dieter Wittkowski.

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