Großartiges Ensemble bringt „Hiob“ als intensives Kammerspiel auf die Bühne
Sternstunde der Schauspielkunst

Coesfeld. Ein riesiger Berg aus ineinander verhakten Stühlen dominiert die Bühne. Was wie Chaos aussieht, entpuppt sich im Laufe der Inszenierung als Symbol für Heimat, zusammengesetzt aus Tradition, Erinnerungen, Sprache, kurz allem, was dem Menschen Wurzeln gibt. Und doch erscheinen die Menschen der Familie, um die es geht, als Suchende. Jeder sieht die Welt völlig anders, ist mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.

Freitag, 29.11.2013, 17:53 Uhr

Zu einem ungeheuer intensiven Kammerspiel, dessen Wirkung man sich von der ersten Sekunde an nicht entziehen kann, hat Regisseurin Bettina Jahnke den Roman „Hiob“ von Joseph Roth (Theaterfassung Koen Tachelet) verdichtet. Wie in der alttestamentarischen Hiob-Geschichte stellt Roth einen Mann ins Zentrum, dem das Schicksal alles nimmt: Heimat, Familie, Arbeit.

Der fromme russische Jude und Dorfschullehrer Mendel Singer verlässt sich ganz darauf, dass Gott in seinem Leben für irdische Gerechtigkeit sorgt. Auch als der behinderte Sohn Menuchim geboren wird, vertraut er mehr auf Gott als auf die Ärzte, die beteuern, ihn heilen zu können.

Die sieben Schauspieler des Rheinischen Landestheaters Neuss setzten die Atmosphäre des Romans mit eindringlicher Sprache und großer Empathie für ihre Rollen so authentisch in Szene, dass ihnen das Publikum im Konzert Theater – zu einem Großteil Schüler – zweieinhalb Stunden mit konzentrierter Aufmerksamkeit folgt.

Mendel (Joachim Berger) agiert wie erstarrt, fast eingemauert in seinem Glauben, der über allen Argumenten steht. Er hält sich mit blitzenden Augen an seinem Gebetbuch fest, während seine zierliche Frau Deborah (Ulrike Knobloch) den krampfenden Sohn festhält. Sie ist die Agierende, die sich für ihre Kinder mit all ihrer Kraft, die trotzdem nicht ausreicht, einsetzt.

Im Laufe des Stücks durchläuft Mendel eine Wandlung. Grandios die Szene, in der er, inzwischen entwurzelt in Amerika lebend, seinem Gott kündigt. Vorsichtig, fast intim, sein Lächeln, als in der Stunde größter Einsamkeit der Krüppel Menuchim als erfolgreicher Komponist und Dirigent wieder in seinem Leben auftaucht.

Eine unglaubliche schauspielerische Leistung vollbringt Henning Strübbe in der Rolle des Menuchim. Wie stellt man ein behindertes Kind dar? Indem man mit kahlem Kopf die Bühne betritt, einfach umfällt und krampfend und wimmernd am Boden liegt. Nur wenn er Musik hört oder das Klingen eines Schlüsselbundes, offenbart Menuchim in kleinsten Gesten seine versteckt Begabung.

Mirjam (Sigrid Dispert), die alle Männer liebt, Jonas (Jonathan Schimmer), der das Militär liebt, Schemarjah (Georg Strohbach), der reich werden möchte und Andre Felgenbauer in verschiedenen Nebenrollen, vervollständigen das hervorragende Ensemble des Rhei8nischen Landestheaters.

Zsuzsa Debre verstärkt die Emotionen mit ihrer mal singenden, mal schrill weinenden Geige.

Alle zusammen lassen eine Sternstunde der Schauspielkunst erleben, die viele Fragen aufwirft und noch lange nachhallt.

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