Kabarettist Ingo Börchers begeistert im Konzert Theater mit keimfreier Unterhaltung / Sagrotan-Flasche als Bühnenbild
Von Krankheitserfindern und Änderungsfleischern

Coesfeld. „Da hab’ ich wieder genau den richtigen Riecher gehabt“, freut sich eine Zuschauerin in der Pause über einen Abend lachmuskelstrapazierender keimfreier „Ferien auf Sagrotan“. Und Kabarettist Ingo Börchers freut sich, „dass Sie (die Zuschauer) dort sind und ich hier“, denn auf Tuchfühlung im Zuschauerraum, da weiß man schließlich nie, was der Nachbar gerade so ausbrütet. Deshalb ist es sicherer, mit einer Flasche Sagrotan als einziger Bühnendeko, den nötigen Abstand zu halten. Denn wer „A sagt, muss auch septisch sagen“.

Mittwoch, 05.02.2014, 17:32 Uhr

Mit treffsicheren Pointen und sarkastischen Wortspielen rast der bekennende Hypochonder, der bei Karneval zuerst an Tröpfcheninfektion denkt, zwei Stunden durch die Welt der Keime. Und erweist sich als ein Energiebündel ohnegleichen, der seine originellen Gags in einem Tempo abfeuert, das schwindlig macht. Dabei streift er immer mal wieder Politik und Zeitgeschehen, benennt schwarze Konten um in „Schwarzer Konten“, schüttelt den Kopf über Obama („Unfassbar, wie der schwarze Mann im Weißen Haus aus ,Yes, we can‘ ,Yes, we scan‘ gemacht hat“) oder fragt sich, was Tebartz-van Elst ist („Kann man das essen, oder spielt man das zu viert?“).

Sein Hauptthema aber ist eine Gesellschaft, in der alle alt werden wollen, aber keiner alt sein will und daher niemand bereit ist, Risiken einzugehen. Keimfreiheit lautet das Gebot der Stunde. „Wir Deutschen sind mit 17 Arztbesuchen im Jahr in Europa Weltmeister“.

Das wirft die Frage auf, ob Deutschland krank macht? Pharmareferenten als „Krankheitserfinder“, plastische Chirurgen als „Änderungsfleischer“ – Börchers Vergleiche sind drastisch, decken bei allem Humor gezielt Missstände auf und sorgen auch schon mal dafür, dass das Lachen im Hals stecken bleibt. Etwa, wenn er den Zusammenhang zwischen Tank und Teller, zwischen Mais und Sprit herstellt – „da wird der Treibstoff zum Zündstoff. Spekulationen auf Lebensmittel“, wird Börchers deutlich, „sind das widerlichste, was ich mir in dieser Branche vorstellen kann“.

Da Kabarett ja auch eine Dienstleistung ist, gibt es als „Bonusfeature“ die Geschichte der Toilette, quasi „die Kultur der Schüssel, vom Klugscheißer erforscht“. Köstlich, seine detaillierte Beschreibung eines Toilettenbesuchs mit dem Versuch, keimfrei zu bleiben. Köstlich auch seine Assoziationen bei manchen Krankheiten: „Gürtelrose entfacht lyrische Kraft, Vorhofflimmern klingt nach Hölderlin“.

Lebensmittelskandale, Bildungswesen, Kinder und alte Leute, die in ihren Bedürfnissen sehr ähnlich sind, Börchers seziert alles mit spitzer Zunge, findet immer wieder den Weg von nachdenklich machenden Fakten zu präzise platzierten Pointen und gibt seinem Publikum die weise Erkenntnis mit auf den Weg „Leben hat Nebenwirkungen“.

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