Stück über Toleranz und Freundschaft begeistert mit rockiger Musik, Komik und Spannung
Tiefbegabt trifft hochbegabt

Von Ursula Hoffmann

Freitag, 21.03.2014, 12:15 Uhr

Coesfeld. Tieferschatten, das sind die Schatten, die im zerstörten Hinterhaus noch hinter den Schatten lauern und vor denen hat Rico richtig Angst. Diese Angst zeigt er ganz direkt, denn Rico ist ein Junge, der sehr geradeheraus sagt, was ihm im Kopf umhergeht.

„Ich bin nicht dumm, ich bin tiefbegabt“, erklärt er sich und seinen Mitmenschen, warum ihm manchmal Sachen aus dem Kopf rausfallen, obwohl sie doch drin gewesen sind.

So tolle Wortschöpfungen wie tiefbegabt hat der Autor Andreas Steinhöfel Rico in den Mund gelegt. Sein mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes Buch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ ist Vorlage für das mitreißende Theaterstück des Berliner Atze Musiktheaters.

Im Kern geht es um die Freundschaft zweier Außenseiter. Der tiefbegabte Rico lernt den hochbegabten Oscar kennen, der immer mit einem Motoradhelm rumläuft, weil er in ständiger Angst lebt, dass ihm etwa der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Steinhöfels Geschichte über den Wert von Freundschaft und Toleranz wird von den Darstellern sehr temperamentvoll, mit viel Humor und angereichert durch rockige Musik, für die sie selbst zu den Instrumenten greifen, auf die Bühne gebracht.

Die Menschen in dem Berliner Mietshaus, in dem Rico lebt, sind mit wenigen Federstrichen köstlich gezeichnet. Da ist der müffelnde Meckerkopp Fitzke, der am Schlagzeug die Geschichte vorantreibt. Die schnoddrige Frau Dahling mit dem mütterlichen Herzen kümmert sich um Rico, wenn die hübsche Mutter in ihren sexy Klamotten arbeiten muss.

Etwas unheimlich ist der umtriebige Marrak (Bassgitarre), der immer riesige Säcke durchs Haus schleppt. Und dann gibt es noch einen neuen Mieter, den Westbühl, der Ricos Mutter sehr gut gefällt. Im Mittelpunkt aber steht Rico, von Iljà Pletner herausragend verkörpert. Pletner passt Bewegungen, Mimik und Sprache perfekt diesem liebenswerten Jungen an, der damit leben muss, dass er immer wieder Sprüche hört, wie „koof dir mal erst nen Gehirn“.

Besonders in den rockig arrangierten Musikstücken erleben die kleinen und großen Besucher im fast ausverkauften Konzert Theater die Welt aus der Perspektive des langsam denkenden Jungen, spüren seine Ängste genauso wie die überschäumende Freude als er in Oskar einen Freund findet.

Natürlich fehlt auch die Spannung nicht, denn die beiden Jungen werden in eine Entführungsgeschichte hineingezogen, zu deren Opfern Oskar gehört. Rico muss seinen Kopf gewaltig anstrengen, um dem neuen Freund zu helfen und damit auch das Geheimnis der Tieferschatten zu lösen.

Als Zugabe singen alle - mit voller Unterstützung des Publikum – noch einmal das Lied „Ich hab einen Freund“ und ein Vater zeigt sich begeistert vom Atze-Theater: „Da kiken wir mal rinne, wenn wir in Berlin sind, wa“.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2338865?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947601%2F
Nachrichten-Ticker