Integration von Flüchtlingen: „Viel ist erreicht – viel bleibt zu tun“: Flüchtlingsinitiative zieht eine Bilanz
„Wer bleiben kann, ist motiviert“

Gescher. Viel ist bisher erreicht worden – viel bleibt zu tun, damit sich die Integration von Flüchtlingen weiter entwickelt: Das gilt für beide Seiten, Einheimische wie Neuankömmlinge. Dieses Fazit ziehen Sprecher der Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Gescher“ in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Die Willkommenskultur in ihrer Heimatstadt loben Karola Gravermann, Georg Geiser, Dr. Hermann Vortmann und Norbert Lanfer ausdrücklich: „In Gescher ist man gewohnt, mit Minderheiten gut umzugehen.“ Anfeindungen seien im „normalen Bereich des Lebens nicht vorgekommen.“

Mittwoch, 10.01.2018, 23:58 Uhr

Integration von Flüchtlingen: „Viel ist erreicht – viel bleibt zu tun“: Flüchtlingsinitiative zieht eine Bilanz: „Wer bleiben kann, ist motiviert“
Im Ganzen positiv bewerten Norbert Lanfer (v. l.), Karola Gravermann, Georg Geiser sowie Dr. Hermann Vortmann von der Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Gescher“ die bisherige Integration von Flüchtlingen in der Glockenstadt. Gut eingerichtet habe man sich auch in den neuen Räumen des „Bunten Hauses“ (Foto) , die jetzt im Hense-Bau angesiedelt sind. Foto:: wr Foto: az

Auch wenn es im „Bunten Haus“ etwas ruhiger geworden sei, würden Sprach- und Integrationskurse „sehr gut angenommen“, beobachtet Karola Gravermann: „Wie gehe ich mit Geld, wie mit Terminen um? Wie läuft eine Wohnungssuche ab? Wie bewirbt man sich in Betrieben?“ Das seien Fragen, die Flüchtlingen unter den Nägeln brennen und auf die Referenten in Kursen oder auf Infoabenden eingingen.

Geiser: „Die Menschen stellen auch Fragen zu Kindergeld, Zuschussleistungen und mehr. Da sind wir überfordert: Einer kam mal mit 22 Blättern, die auszufüllen waren. Dann treten wir als Vermittler auf, sprechen das Jobcenter an. Das läuft sehr ordentlich.“

130 anerkannte Flüchtlinge leben derzeit in Gescher. Hinzu kommen hundert, deren Verfahren noch laufen. Am Montag hat man sechs Neuankömmlinge begrüßt, deren Verfahren als abgeschlossen gelten. Diese haben, gemäß neuester Bestimmungen, eine Wohnsitzauflage, die nach einem bestimmten Verteilerschlüssel festgelegt wird. Lanfer: „Wer bisher kam, konnte innerhalb von NRW umziehen. Das hat sich geändert; Sondergenehmigungen sind nur in Ausnahmesituationen möglich.“

Groß sei die Bereitschaft sich zu integrieren vor allem bei Menschen mit Bleibeperspektive. Meist seien das „Familien, die ihre Zukunft hier sehen“, sagt Lanfer. Die Nachfrage nach Arbeit sei besonders bei Familienvätern sehr hoch, ergänzt Geiser. Und auch die Schulen hätten und böten Motivation und Chance zur Integration, fügt Dr. Vortmann hinzu.

Schwer dagegen haben es oft Alleinstehende, zumal wenn es um ihre Chance zu bleiben schlecht steht. „Das Abkappen von langjährigen Beziehungen führt zur Gefahr, psychisch zu erkranken. Wer keine Perspektive hat, verhält sich passiv, sackt weg“, weiß Dr. Vortmann.

Und während in den Schulen Lehrer fachkompetent fortgebildet würden, um auf Probleme mit traumatisierten Kindern reagieren zu können und professionelle Hilfe bei der Schulberatung des Kreises zu holen, sei das mit traumatisierten Erwachsenen ungleich schwieriger. „Da sind wir machtlos und können nur auf den Sozialpsychiatrischen Dienst des Kreises verweisen“, bedauert Lanfer.

Damit Integration gelingen kann, brauche man auch professionelle Begleitung. Nur mit Ehrenamtlichen sei das nicht zu leisten, fährt er fort. Gerade deshalb sei die Flüchtlingsinitiative dankbar, dass im Haushaltsplan der Stadt jetzt eine halbe Stelle für Sozialarbeit bereit stehe, die über einen Träger „eingekauft“ werden soll. „Diese Lösung ist auf Seiten der Politik im Gespräch mit der Flüchtlingsinitiative gefunden worden“, unterstreicht Dr. Vortmann und lobt ausdrücklich „die sehr gute Zusammenarbeit mit der Stadt.“

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