Gescher
„Wenn ich sicher bin, ist es gut“

Gescher. Wenn Ali Madad Soltani aus dem Haus tritt und durch die Stadt geht, grüßen ihn viele Gescheraner mit einem freundlichen „Hallo Ali.“ Und komische Fragen stellen sie auch nicht. In seiner Heimat Afghanistan war das anders: „Da wusste man nie, ob man zurückkehrt, wenn man seine Wohnung verließ.“ Einmal ist Soltani nicht zurückgekehrt. Als der Englischlehrer Besorgungen für seine Schüler machen wollte, schnappten ihn die Taliban und nahmen ihn gefangen. So erzählt es der 37-Jährige. Zwei Tage lang hielten sie ihn fest, brachen seine Hand, verletzten Fuß und Ohr. Gemeinsam mit einem Mitgefangenen sei ihm die Flucht gelungen, berichtet der Afghane weiter. Die Erinnerungen verstören ihn noch heute. Vergessen möchte er. Aber so einfach sei das nicht. Manchmal komme es ihm vor, als sei all das erst vor zwei Wochen geschehen. „Dann bekomme ich Angst.“

Samstag, 10.03.2018, 14:46 Uhr

Gescher: „Wenn ich sicher bin, ist es gut“
Als Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) arbeitet der Afghane Ali Madad Soltani bei der Tafel in Gescher und freut sich über diese Beschäftigung. Denn ohne Arbeit sei es sehr langweilig, sagt Soltani. Foto: Helene Wentker

Zusammen mit seiner Frau gelang Soltani die Flucht über Iran, Türkei, Mazedonien, Österreich nach Deutschland. Und während seine Familie derzeit in Pakistan lebt, wo sein Vater vor sechs Monaten starb, gelangte Ali Soltani über Köln und Wesel nach Gescher. Am 19. November 2015 sei er in der Glockenstadt angekommen.

Seinen ersten Eindruck von Deutschland prägte ein Händler in Köln. „Der sagte, ich solle im Supermarkt kaufen; bei ihm sei es zu teuer für mich. Da dachte ich: Das ist fair. Deutschland ist ein gutes Land.“

Schnell spürte der Afghane, dass sein Leben ganz ohne Beschäftigung langweilig war. Er suchte Kontakt zur Gescherer Tafel, bot sich dort an – und fand eine Beschäftigung, die ihm Freude macht. Zuerst als Ein-Euro-Jobber, derzeit als Bufdi (Bundesfreiwilligendienst). „Wir können drei Bufdi-Stellen besetzen. Augenblicklich beschäftigen wir zwei Leute“, kommentiert Franz-Josef Menker von der Tafel.

Nicht allein das Arbeiten, sondern die Freundlichkeit der Menschen dort tun Soltani gut. Christa Sibbing nennt er „Mama“. Eine andere Anrede kann er sich nicht vorstellen. „In unserer Kultur sagt man nicht Frau..., sondern Mama, Tante oder Schwester.“ Christa Sibbing merke, wenn er bedrückt sei. Dann hake sie nach und er erzähle. „Warte auf deine Chance, und denk nicht soviel über alles nach“, rate sie ihm dann.

Ein wenig Deutsch hat Soltani im Bunten Haus gelernt. Sprachkurse hat er nicht belegen können. Sein Fall sei noch nicht entschieden, sagt er. Ali Soltani sei ausreisepflichtig. Gegen die Ausreise klage er im Augenblick, erklärt Menker die Umstände. In seinem Gastland fühlt sich der Afghane, anders als in seiner Heimat, sicher. „Und wenn ich sicher bin, ist es gut. Mehr brauche ich gar nicht.“

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