Chinesischer Nationalcircus gastiert in Gescher
Geschichten des Lebens erzählen

Gescher. Der Chinesische Nationalcircus gastiert am 1. März 2019 im Theater- und Konzertsaal in Gescher. „The Great Wall – Akrobaten grenzenlos“ heißt die spektakuläre Jubiläumsshow, präsentiert von unserer Zeitung. Mit Raoul Schoregge, Produzent und Tourneeveranstalter, sprach unser Redaktionsmitglied Jürgen Schroer.

Dienstag, 29.01.2019, 17:03 Uhr aktualisiert: 30.01.2019, 15:23 Uhr
Chinesischer Nationalcircus gastiert in Gescher: Geschichten des Lebens erzählen
Raoul Schoregge (50) ist Produzent und Tourneeveranstalter des Chinesischen Nationalcircus und freut sich auf das Gastspiel der Meisterakrobaten in seiner Heimatstadt. Er verspricht dem Publikum in Gescher eine faszinierende Show um die „Große Mauer“. Foto: Darko Tomas

Warum kommt der große Chinesische Nationalcircus wieder in das kleine Gescher?

Schoregge: Früher bin ich immer mit meinen Produktionen nach Gescher gekommen, damit meine in Gescher lebende Mutter nicht so eine weite Anreise zu den Vorstellungen hatte. Ich habe diese Tradition beibehalten, da dieser Ort – obwohl meine Mutter nun weggezogen ist – immer noch für mich so etwas wie ein Stück Heimat bedeutet. Habe ich doch einen sehr wesentlichen und prägenden Teil meines Lebens dort verbracht, in dem ich auch viele großartige Menschen kennengelernt habe.

Welche Bezüge haben Sie persönlich noch zu Ihrer Heimatstadt?

Schoregge: Neben der Tatsache, dass ich sicher noch eine Menge Leute in der Glockenstadt kenne und meine Autos dort kaufe, verbindet mich auch künstlerisch etwas mit der Stadt. So hängt doch im Sitzungssaal des Rathauses ein großes Gemälde meines leider zu früh verstorbenen Vaters. Wenn es möglich ist, möchte ich einer Delegation meiner Artisten des Chinesischen Nationalcircus während unseres Aufenthalts in Gescher dieses Bild zeigen.

Ihre künstlerische Karriere hat als Clown begonnen. Haben Sie sich damit einen Kindheitstraum erfüllt? Treten Sie heute noch auf?

Schoregge: Als kleines Kind wollte ich typischerweise auch Pilot, Kapitän oder Arzt werden. Der Wunsch, den Beruf des Clowns zu erlernen, kam wirklich erst später. Und ich verdanke diesem Beruf sehr viel. Unter anderem, dass ich so einen Großteil dieser Welt sehen konnte und viele besondere Menschen haben kennenlernen dürfen. Vorbilder wie Oleg Popov wurden meine Lehrer und Freunde, von mir immer bewunderte Künstler wie Konstantin Wecker nahmen mich kollegial in ihre Kreise auf. Der Clown, mein Clown war und ist mein künstlerischer Urknall und überhaupt nicht mehr wegzudenken. Seit etwas über zwei Jahren habe ich ein Duo mit einem tollen französischen Clownspartner, mit dem wir uns regelmäßig zu ausgewählten und besonderen Circus-Veranstaltungen international engagieren lassen.

Wie hat sich der berufliche Brückenschlag nach China und zur fernöstlichen Artistik ergeben?

Schoregge: Ich habe vor Jahren, ganz am Anfang meiner Karriere einmal mit chinesischen Akrobaten zusammengearbeitet. Deren Disziplin und ambitionierte Form, ihren Beruf zu leben, hat mich schwer beeindruckt. Gleichzeitig hatte ich mich immer schon für asiatische Kunst, Philosophie und Geschichte interessiert. Beides zusammen löste den Impuls in mir aus, sich mit dem Thema näher zu beschäftigen. Und wie man sieht, nicht ganz ohne Erfolg. Seit 18 Jahren führe ich dieses Premiumprodukt der circensischen Kunst durch Europa.

Was fasziniert Sie an der chinesischen Kultur?

Schoregge: Die drei spirituellen Säulen Chinas, der Buddhismus, der Konfuzianismus und auch der Taoismus präsentieren selbst einem doch recht nüchternen Münsterländer wie mir neue Wege, seine Sicht auf die Welt zu optimieren. Das und natürlich der unermessliche Reichtum dieser 5000-jährigen Geschichte Chinas mit seinen darstellenden und bildenden Künsten genauso wie mit seinen Philosophien und faszinierenden Bauwerken.

Die neue Show heißt „The Great Wall“. Worauf darf sich das Publikum freuen?

Schoregge: Die aktuelle Show macht einen Ausflug in vier Bildern anhand von Jahreszeiten Herbst bis Sommer an der Großen Chinesischen Mauer und erzählt durch Akrobatik, Magie und Humor Geschichten des Lebens an einer Grenze. Die Mauer als historisches Bauwerk, welches schützt und verbindet und auch als Metapher für Abgrenzung und Verständigung zu verstehen ist. Das dargeboten in allen Sparten der chinesischen Akrobatik in traditionellen Kostümen und exotisch fernöstlichen Bewegungen, eingebettet in einen europäischen Klassik-Soundtrack, der das Ganze zu einem epischen, völkerverbindenden Erlebnis werden lässt.

Warum sind gerade die chinesischen Akrobaten zu besonderen Leistungen fähig?

Schoregge: Zum einen hat Circus, respektive die Kunst der Akrobatik, ein anderes Standing in China als auch eine fundiertere und ältere Historie. Der chinesische Circus kann auf eine 2000-jährige Tradition zurückblicken. Nicht zuletzt auch deswegen, da er wirklich das ideale Medium war, um neben der Kampfkunst die Einheit von Körper, Geist und Seele auszudrücken. Akrobatik wurde über hunderte von Jahren fast wissenschaftlich weiterentwickelt und hat insbesondere auch durch die staatliche Förderung als Kulturvermittler mit der Gründung der Volksrepublik China eine besondere Aufmerksamkeit erlangt und den Vorsprung der restlichen Welt gegenüber ausbauen können. Außerdem kommt eine Besonderheit der chinesischen Mentalität verstärkend dazu. „Die absolute Identifikation mit dem, was man tut!“ Ein chinesischer Artist macht keinen Handstand, ein chinesischer Artist ist der Handstand.

Welche Darbietung in der aktuellen Show gefällt Ihnen persönlich am besten?

Schoregge: Ich habe genau genommen drei Lieblingsnummern in dieser neuen Show. Zum einen ist einer meiner langjährigen Schützlinge mit seiner sehr speziellen Bankbalance-Darbietung dabei, bei der er auf seinem Kopf am Ende bis zu 18 Holzbänke ineinander verschachtelt balanciert mit einem Gewicht von circa 100 Kilogramm. Darüber hinaus liebe ich die Darbietung „Ballett on shoulder“, bei der zwei Artistinnen Spitzentanz auf den Schultern ihrer männlichen Partner durchführen. Last but not least mag ich die von mir in China mit einigen talentierten Artisten einstudierte Clownnummer sehr. Chinesen haftet immer der Ruf an, nicht komisch zu sein. Mit diesem gemeinsam erarbeiteten komischen Intermezzo rund um Kung Fu beweisen wir das Gegenteil.

Was können wir Westeuropäer von den Chinesen lernen? Und umgekehrt?

Schoregge: Wichtig ist erst einmal, dass wir auf beiden Seiten einsehen, dass wir voneinander lernen können und auch müssen, um ein langfristiges Überleben unserer Spezies auf diesem Planeten zu gewährleisten. Wie das im Detail zu funktionieren hat, liegt im Ermessen des Einzelnen und sollte keinesfalls zu dogmatisch aufgebaut werden. Jeder Kulturkreis sollte seine „Verkaufsschlager“ in die Schnittmenge schmeißen. Vielleicht geben wir die Freiheit in den Pott, die Chinesen die Balance, wir die Hartnäckigkeit und die Chinesen den Fleiß. Wenn aus dem Reich der Mitte die Identifikation mit dem Sein und Tun ausgewählt wird, so können wir vielleicht die Tugend des kritischen Hinterfragens mitgeben.

- Karten für das Circus-Gastspiel sind im AZ-Ticketshop (www.azonline.de/tickets) in unseren Geschäftsstellen in Gescher, Coesfeld und Billerbeck erhältlich. 

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