Gescher
„Das ist nicht menschenwürdig“

Gescher. „Mein Leben ist durch die Windkraftanlagen vernichtet worden“, brachte es gestern ein Anwohner der Bauerschaft Estern vor dem Verwaltungsgericht Münster auf den Punkt. Er trat dort neben weiteren Nachbarn als Kläger gegen den Kreis Borken auf.

Montag, 11.03.2019, 17:39 Uhr aktualisiert: 12.03.2019, 18:22 Uhr

Die Kläger wenden sich gegen immissionsschutzrechtliche Genehmigungen beziehungsweise Änderungsgenehmigungen zur Errichtung und zum Betrieb von zwei Windenergie-Anlagen des Typs Enercon El 115 mit einer Gesamthöhe von 149 Metern auf Grundstücken auf dem Gebiet der Stadt Gescher.

Zur Begründung der Klagen machen die Kläger unter anderem geltend, dass der Teilflächennutzungsplan der Stadt Gescher unwirksam sei, weil ihr die Planbefugnis fehle. Die planerische Steuerung der Windenergienutzung und deren Konzentration auf dafür vorgesehenen Flächen sei bereits durch den bisherigen Flächennutzungsplan der Stadt aus dem Jahr 2002 erreicht. Außerdem sei die durchgeführte Umweltverträglichkeitsprüfung nicht nachvollziehbar.

Die Kläger schilderten dem Gericht, dass sie durch den Betrieb der Windräder massive gesundheitliche Schäden in körperlicher und psychischer Sicht davontragen würden. Sie klagten über Ohrensausen, Nasenbluten, Bluthochdruck und Schlafstörungen. Einer der Kläger sagte aus, dass er einen Lärmpegel von 45 Dezibel hinnehmen müsse. Das sei mehr als in einem reinen Wohngebiet. „Das ist nicht menschenwürdig“, betonte er. Er fühle sich nicht mehr wohl auf seinem eigenen Grund und Boden in Estern. Außerdem sei bei der Genehmigung der Windenergie-Anlagen nicht berücksichtigt worden, dass sich in deren Einwirkungsbereichen Brutstätten von Kiebitzen und Rotmilanen befunden haben.

Die Gegenseite machte deutlich, dass die rechtlichen Vorgaben „das Ergebnis des wissenschaftlichen Standards“ seien. Es gebe immer subjektive Betroffenheit. Das könne aber nicht Grundlage der Entscheidung sein. Die Bewohner des Außenbereichs seien dazu „verdammt“, höhere Immissionen zu ertragen. Das sei die Folge der Gewichtung des Normgebers.

Der Richter, der bekundete, durchaus vollstes Verständnis dafür zu haben, dass die Kläger ihre Empfindungen im Detail schilderten, betonte: „45 Dezibel ist kein Krach.“ Wohnen im Außenbereich sei privilegiert. Die Bewohner müssten dann allerdings auch Immissionen „wie ein Landwirt“ in Kauf nehmen. Manche Anlieger würden an Betreibergesellschaften von Windenergie-Anlagen beteiligt und würden dann die Windräder plötzlich „mit anderen Augen sehen“. Der Verlust des Wertes eines Hauses durch ein Windrad in der Nachbarschaft sei hinzunehmen. Das sei nicht rechtswidrig. Im Übrigen sei der Kreis Borken nicht der Gesetzgeber. Das Verwaltungsgericht wird binnen der nächsten zwei Wochen ein Urteil fällen.

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