Gescher
„Die SPD muss sich neu erfinden“

Gescher. Wolfgang Kramer ist ein Urgestein der Sozialdemokratie in Gescher. Seit 50 Jahren gehört der Gescheraner der SPD an, hat die gesamte Geschichte der Stadt Gescher seit 1969 bis heute aktiv mitgestaltet. 40 Jahre Ratsarbeit, 25 Jahre Fraktionsvorsitz, zehn Jahre Kreistag, weitere Jahre als sachkundiger Bürger – die Eckdaten seines politischen Schaffens sprechen für sich, immer unterstützt von Ehefrau Hedwig (40 Jahre SPD). Im Interview mit Redaktionsmitglied Jürgen Schroer blickt Kramer zurück.

Donnerstag, 19.09.2019, 11:18 Uhr
Gescher: „Die SPD muss sich neu erfinden“
Wolfgang Kramer (78) ist seit 50 Jahren Mitglied der SPD, hat 40 Jahre im Rat Politik gemacht. Foto: J. Schroer

Warum sind Sie politisch aktiv geworden und in die SPD eingetreten?

Kramer: Wir waren eine Gruppe von sieben, acht Leuten, die sich ab Mitte der 60er Jahre regelmäßig in Hochmoor getroffen hat und sich irgendwann politisch engagieren wollte. Wir waren keine typischen 68er, wollten aber was bewegen. Stärkste politische Kraft in Hochmoor war damals die SPD, da sind wir eingetreten. Es gab dort einen eigenen Ortsverein.

Haben Persönlichkeiten wie Willy Brandt eine Rolle gespielt?

Kramer: Ja, gewiss. Brandt haben wir bei einem Wahlkampfauftritt als Kanzlerkandidat in Coesfeld erlebt. Er hat uns per Handschlag begrüßt und gesagt, dass wir da seien, um die Zukunft zu gestalten. Das hat uns gepuscht.

Was waren die größten Aufgaben in den ersten Jahrzehnten? Was hätten Sie als SPD anders gemacht?

Kramer: Für uns waren viele Dinge neu, als die Arbeit im Rat begann. Wir haben durchgesetzt, dass bei der Vergabe öffentlicher Aufträge Alternativen zu den üblichen Auftragnehmern geprüft wurden. Die Hauptaufgaben waren Schulbau, Umgestaltung der Innenstadt, Flurbereinigung, die Standortsuche für eine Mülldeponie und später die Freibadsanierung. Viele Entscheidungen waren notwendig und richtig. Nicht einverstanden waren wir als SPD mit der Vorgehensweise beim Rathausneubau. Da hat uns der damalige Stadtdirektor eine Studie zur Umnutzung der Spinnerei Huesker nicht vorgelegt. Das hat uns wütend gemacht, auch wenn wir den späteren Neubau positiv mitgestaltet haben.

War die jahrzehntelange Oppositionsarbeit nicht auch frustrierend?

Kramer: Ich würde eher sagen, es war schwierig und zäh. Besonders dann, wenn man von seinen Argumenten überzeugt war, die Ratsmehrheit aber einfach die Hand gehoben und anders entschieden hat.

Wie wichtig waren für die SPD die Wahlerfolge von Heiner Theßeling, der erst ehrenamtlicher Bürgermeister war und 1999 als Sozialdemokrat zum hauptamtlichen Bürgermeister in Gescher gewählt wurde?

Kramer: Das haben wir als Durchbruch empfunden, da hatten wir richtig was erreicht. Allerdings haben die Folgejahre auch gezeigt, dass es nicht einfach ist, ohne politische Mehrheit die Verantwortung zu tragen. Meine Aufgabe als SPD-Fraktionsvorsitzender war es damals, Mehrheiten zu organisieren. Das war nicht leicht, trotzdem war es eine schöne Zeit.

Was hat sie über die vielen Jahre motiviert, sich kommunalpolitisch zu engagieren?

Kramer: Es hat Spaß gemacht, besonders dann, wenn man Leuten konkret helfen konnte. Neben Kritik habe ich immer auch Wertschätzung erfahren.

Wie steht Gescher heute da?

Kramer: Unsere Stadt hat sich gut entwickelt, besonders im gewerblichen Bereich. Nicht befriedigend ist die Situation der Innenstadt. Aber da gibt es wohl keine Patentrezepte.

Wie intensiv sind Sie noch in die kommunalpolitische Arbeit eingebunden?

Kramer: Ich bin noch als sachkundiger Bürger und als Aufsichtsratsmitglied der Stadtwerke aktiv. Aber mit der Wahl 2020 ist endgültig Schluss.

Was wünschen Sie sich für die Bundes-SPD? Raus aus der GroKo? Und wer soll den Vorsitz übernehmen?

Kramer: Mit Schröders Kanzlerschaft ab 1998 und den Hartz-IV-Reformen ist es für unsere Partei schwierig geworden. Als Gewerkschafter konnte ich diese Reformen nicht gutheißen. Seitdem ist die SPD in großen Koalitionen gefangen und hat einen unheimlichen Personalverschleiß. Ich wünsche mir, dass die SPD die jetzige Koalition zu Ende führt, weil sie doch gute Arbeit leistet. Danach muss es einen Schnitt geben und ein neues Grundsatzprogramm. Die SPD muss sich neu erfinden. Die jetzigen Kandidaten für den Parteivorsitz sehe ich eher als Übergangslösung.

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