Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren
Mit Betttüchern Alliierte empfangen

Billerbeck. Sie kamen über den Coesfelder Berg an Karfreitag 1945: die britischen Panzer der „Grenadier Guards und Soldaten der 3. Fallschirmbrigade“ mit kanadischen GI‘s. „Dass das kampflos geschah und Billerbeck somit vor einer unsinnigen Vernichtung bewahrt blieb, ist dem Wagemut einiger besonnener Männer unserer Heimatstadt zu verdanken, die dem Feinde, der mit starken Panzereinheiten von der Coesfelder und Daruper Chaussee heranrollte, mit einer weißen Fahne entgegengingen, um so die Kapitulation der Stadt anzuzeigen“, so beschrieb es Heinrich Fasse im Februar 1950 im Rückblick für den Billerbecker Anzeiger.

Montag, 30.03.2020, 07:00 Uhr
Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren: Mit Betttüchern Alliierte empfangen
Englisch-amerikanischen Panzer durch die weißbeflaggte Stadt – hier in Höhe des Richtengrabens. Foto: Rolf Buhrmann/Knüppel/Stadtarchiv

Diesen Wagemut bescheinigt die Stadtchronik: Dr. Otto Suwelack und Dr. Adolf Derstappen, Direktor der Landwirtschaftsschule. Sie marschierten seinerzeit mit weißen Betttüchern den Truppen entgegen, um die kampflose Übergabe der Domstadt zu signalisieren. „Wahrscheinlich sprachen beide etwas Englisch und waren in der Lage, sich zu verständigen“, vermutet sein Sohn, Wolfgang Suwelack. Als Geisel seien die zwei – mit geladenen Maschinengewehren im Rücken – vor den Panzertruppen hergeführt worden. „Kein ungefährliches Unternehmen, weil noch immer umherstreifende fanatische junge Soldaten ohne disziplinierte Führung jede kampflose Übergabe zu verhindern suchten“, schreibt der Chronist Fasse und führt weiter aus: „Die Hissung der weißen Fahnen an den Kirchtürmen, die nun erst in letzter Minute erfolgen konnte, war von diesen schon mehrmals am Tage durch schwere Bedrohung unterbunden worden.“ Dazu Wolfgang Suwelack, der damals sieben Jahre alt war: „Ein Nazis hatte an der Johannis-Kirche die weiße Fahne gegen die Hakenkreuzfahne ersetzt. Daraufhin richteten die Alliierten ihre vorderen Geschütze auf die Stadt bis der Dachdecker David, der immer mit den Arbeiten an dieser Kirche beauftragt war, sie wieder gegen eine weiße Fahne austauschte.“

Nachmittags gegen 15 Uhr rollten die englisch-amerikanischen Panzer durch die weißbeflaggte Stadt und die glücklicherweise offenstehenden Panzersperren. Ganz ohne Verluste endete dieser Karfreitag allerdings nicht. Zu kleinen Schießereien kam es dennoch durch einzelne im Hinterhalt versteckte Soldaten an der Osterwicker Straße und beim Auszug aus der Stadt an der Beerlager Straße. Hier gerieten zwei Häuser und zwei Scheunen in Brand. Auch wurde noch ein Haus am Konerding in Brand geschossen, da auch dort einzelne deutsche Soldaten Widerstand leisteten.

Wolfgang Suwelack erinnert sich an die Besatzungszeit: „Mit einer Horde Kinder wagten wir uns in die Nähe der Alliierten. Zu unserer großen Verblüffung war unter ihnen ein farbiger GI. Der Erste, den wir bis dato in unserem Leben gesehen hatten. Mit den paar Brocken Englisch, die wir irgendwo aufgeschnappt hatten, bettelten wir „Give me a piece of chocolate“. Tatsächlich holte dann jemand Catbury Schokolade und verteilte sie an uns. Die erste Schokolade unseres Lebens.“

Dr. Thomas Perick weiß aus Familienerzählungen, dass die Alliierten großen Gefallen an dem Mercedes seines Vaters, Dr. Josef Perick, fanden: „Der war zwar nicht mehr fahrbereit, weil die Reifen platt waren oder fehlten, wurde aber dennoch konfisziert.“

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